Das Gemälde

„Oh nein!“, stöhnte Helena, als sie das dichte Gedränge vor sich sah. Das hätte sie sich ja denken können! Es war Sonntag und die Leute hatten nichts besseres zu tun, als auf dem Marktplatz in allerlei Ramsch zu wühlen. Dabei hatte sie aufgrund der glühenden Hitze darauf spekuliert, dass die meisten ins Freibad gehen würden. Schwitzend schob sie sich hinter Katie durch die Menge. Wie sie es hasste! Sie hatte nur zugestimmt, weil Katie nicht locker gelassen hatte. „Los, du alte Stubenhockerin. Lass

02a DAS GEMÄLDE

Foto: Yvonne Voigt/Pixelo.de

uns mal etwas unternehmen“, hatte sie gesagt und Helena vor die Wahl gestellt: Freibad oder Flohmarkt. Letzteres hielt Helena für das geringere Übel. Doch mittlerweile bereute sie ihre Entscheidung. Ihr schwarzes Kleid klebte an ihrer Haut, obwohl sie erst vor zwanzig Minuten das Haus verlassen hatte und ihr düsteres Make-up drohte zu verlaufen. Helenas Gothicgarderobe war für diese Jahreszeit einfach nicht gemacht.

“Schau mal, eine Plattensammlung!“ Katie packte Helena am Arm und zog sie zu einem Stand, der mit Schallplatten überhäuft war. „Mal sehen, ob ich die Beatles finde“, sagte sie und wühlte einen Stapel durch. Schallplatten im Zeitalter von MP3 und Musikstreaming? Nein, danke. Helena hatte ja nicht einmal ein Abspielgerät. Ganz im Gegensatz zu Katie, die jubelnd ein Exemplar von „Abbey Road“ herausfischte. „Das nehme ich!“, sagte sie zu dem Verkäufer, einem Mann um die fünfzig mit Igelfrisur und Ohrstecker, und begann, mit ihm um den Preis zu feilschen.

 

Auf einmal fiel Helenas Blick auf ein Objekt am Nachbarstand. Sie bekam Herzklopfen. „Oh mein Gott“, rief sie, „schau dir das mal an, Katie!“ Noch ehe ihre Freundin sich umdrehen konnte, war Helena zu dem Stand hinüber gegangen. „Das würde super in mein Wohnzimmer passen!“, rief sie. Skeptisch betrachtete Katie das Gemälde, vor dem Helena sich niedergekniet hatte. Es stand etwas abseits von den anderen Gütern und wenn Helena es nicht entdeckt hätte, wäre es ihr gar nicht aufgefallen. „Also, ich weiß nicht“, sagte sie, „Ich würde mir das Ding nicht mal in den Keller hängen.“ Helenas Augen leuchteten. „Ich finde es umwerfend! Schau nur, die feinen Pinselstriche. Es sieht beinahe aus wie ein Foto.“ In der Tat wirkte das kleine, viktorianische Mädchen, das in einem schwarzen Kleidchen steckte und auf einem Podest hockte, verblüffend real. Doch genau das war es, was Katie Unbehagen bescherte. „Diese dunklen Augen und die blasse Haut – ich finde das gruselig“, bemerkte sie. „Das ist es ja gerade, was mir daran so gefällt. Dieses Mystische. Sie sieht aus, als hätte sie etwas zu verbergen.“ Helena lächelte zufrieden und hob das Gemälde hoch. Es hatte etwa die Größe eines Laptops und steckte in einem breiten Goldrahmen.
„Wie viel kostet das?“, fragte sie den alten Verkäufer, der gerade damit beschäftigt war, einem anderen Kunden eine Kaffeemühle vorzuführen. „Einen Moment“, sagte der Alte zu dem anderen Kunden und beugte sich zu Helena über die Theke, sodass ihr sein nach Zwiebeln miefender Atem in die Nase zog. „Hören Sie, das ist nicht irgend ein Bild. Zu diesem Gemälde gibt es unheimliche Gerüchte“, flüsterte er. „Was denn für Gerüchte?“ „Man sagt, dass das Bild jeden, der es besitzt ins Unglück stürzt.“ Helena lachte laut auf. „Das glauben Sie doch selbst nicht.“ „Und ob! Es heißt, ein uralter Fluch laste auf dem Bild.“ „Im Ernst jetzt?“ „Ehrenwort.“ Helena kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. „Das macht die Sache natürlich noch viel interessanter“, sagte sie schließlich, „Ist der Fluch inklusive oder mit Aufpreis?“ Katie stieß Helena in die Rippen. „Lass besser die Finger von dem Bild“, raunte sie. Der Verkäufer sah Helena mitleidig an. „Ja, hören Sie besser auf Ihre Begleiterin. Mit Flüchen ist nicht zu spaßen.“ „Nun reicht’s mir aber“, Helena wurde knallrot, „Nur weil ich ein Grufti bin heißt das noch lange nicht, dass ich Ihnen jeden abergläubischen Mist abnehme. Verkaufen Sie mir jetzt das Bild oder nicht?“ Der Mann zuckte mit den Achseln. „Ganz wie Sie wollen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, mir zu glauben“, sagte er, „Das Bild können Sie haben. Betrachten Sie es als ein Geschenk des Hauses.“ „Wirklich?“ Helena konnte ihr Glück kaum fassen. „Ja, nehmen Sie es und verschwinden Sie damit. Aber denken Sie daran: Rücknahme ist ausgeschlossen.“

 

„Bist du eigentlich wahnsinnig?“, fauchte Katie, als sie den Stand verließen. „Warum, glaubst du etwa an den Humbug?“ „Was, wenn es kein Humbug ist?“ Helena lachte. „Katie, seid wann bist du denn so naiv?“, fragte sie. „Ich bin nicht naiv“, verteidigte sich Katie, „Ich finde die ganze Geschichte nur ziemlich gruselig. Ich glaube nicht, dass das Bild positive Energie in deine Wohnung bringen wird.“ Auch das noch! Seit Katie diesen Selbstfindungskurs gemacht hatte, redete sie ständig von Dingen wie positiver Energie und Karma. Helena verdrehte die Augen. „Katie, das ist ein ganz normales Gemälde.“ „Warum wollte der Typ dann kein Geld dafür?“ „Wahrscheinlich war’s ein Ladenhüter.“ „Ach, und deswegen wollte er es dir mit der Fluchgeschichte ausreden? Glaub mir, ich habe ein ganz ungutes Gefühl. Mit dem Gemälde stimmt was nicht.“ „Der wollte mich bloß ärgern. Ich bin das gewohnt. Hat nur noch gefehlt, dass er Satanistenwitze über mich gerissen hätte. Dann wäre ich ihm aber an die Gurgel gegangen.“
In dieser Nacht konnte Helena nicht schlafen. Ihre Dachgeschosswohnung hatte sich am Tag auf achtundzwanzig Grad erhitzt und das übergroße T-Shirt, das Helena zum Schlafen trug, klebte klatschnass auf ihrer Haut. Hinzu kam ein heftiges Hitzegewitter, dass sich über der Stadt entlud. Das dumpfe Grollen des Donners schreckte Helena jedes Mal auf, wenn sie gerade weggedämmert war. Sie schielte im Fünfzehn-Minutentakt auf die Zeitanzeige ihres Radioweckers und rechnete sich in Gedanken aus, wie viel Zeit ihr noch zum Schlafen blieb. Um halb zwölf hatte sie schließlich genug und stand auf. Vom Hin- und Herwälzen würde ihre Schlaflosigkeit auch nicht besser. Sie ging ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Sie zappte eine Weile herum, bis sie schließlich bei einer Dokumentation über UFO-Sichtungen in den USA hängen blieb.

Auf einmal zeriss ein besonders heller Blitz die Dunkelheit, sofort gefolgt von polterndem Donner. Erschrocken fuhr Helena zusammen. In diesem Moment gingen sowohl Licht als auch Fernseher aus. „Nicht auch noch ein Stromausfall“, jammerte sie, und stand auf. Wie sollte sie sich denn jetzt die Zeit vertreiben? Sie ging zu ihrer Vitrine, holte ein paar Kerzen heraus und platzierte sie auf dem Wohnzimmertisch. Sie zündete die Dochte an und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. Die Möbel warfen lange Schatten im dämmrigen Kerzenschein. Sie betrachtete das Gemälde, das an der Wand lehnte. Die weiße Haut des Mädchens schimmerte im Halbdunkel noch heller, als sie es bei Tageslicht getan hatte und die tiefschwarzen Augen bohrten sich in Helena, als würden sie versuchen, ihre Gedanken zu ergründen. Ein weiterer Blitz flammte durch die zugezogenen Vorhänge. Donner wie Paukenschläge. Regenprasseln.
Plötzlich zuckte Helena zusammen. Das Mädchen – hatte es eben die Augen bewegt? Da! Schon wieder! Ihr Herz pochte. Eine Lichtreflexion vielleicht? Helena stand auf und ging zu dem Gemälde hinüber. Sie kniete sich davor und sah ihm genau in die Augen. Starr glotzten sie aus ihren tiefen Höhlen zurück. Sie hatte es sich wohl eingebildet. Doch im nächsten Augenblick sprang sie kreischend auf. Der Mundwinkel! Er hatte eindeutig gezuckt!
„Ganz ruhig, du bist nur übermüdet“, redete sie sich ein, doch ihr Puls war auf hundertachtzig. Was, wenn Katie doch recht gehabt hatte und etwas mit diesem Bild nicht stimmte?
Mit einer Kerze in der Hand eilte sie ins Schlafzimmer. Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und wählte Katies Nummer. Es tutete. Bitte nimm ab, flehte sie in Gedanken. Vergeblich. Ein Blick auf ihren Radiowecker verriet ihr, dass es kurz nach Mitternacht war. Entmutigt legte sie auf. Sie zog die Luft tief in ihre Lungen und ließ sie dann langsam herausströmen. Von dieser Übung hatte ihr Katie nach ihrem Selbstfindungskurs vorgeschwärmt. Sie soll binnen Sekunden entspannen. Und tatsächlich – das Pochen in ihren Ohren wurde leiser und sie musste gähnen. Gut so! Jetzt würde sie die Kerzen löschen und ins Bett gehen.
In diesem Moment polterte es! Helena fuhr herum. Das Geräusch kam aus dem Wohnzimmer!
Das Licht der Kerze zitterte, als sie so leise wie möglich die Schlafzimmertür öffnete und hinaus spähte. Ein beißender Geruch stieg ihr in de Nase. Sie blieb stehen und schnüffelte. Unwillkürlich musste sie an letztes Frühjahr denken, als sie mit Katie die Wände frisch gestrichen hatte.
Prüfend beäugte sie das Wohnzimmer. Das Gemälde! Es war umgekippt und lag mit der Vorderseite auf dem Teppich. Mit spitzen Fingern hob sie es auf – und erstarrte! Wo einst das viktorianische Mädchen gesessen hatte, war nichts als ein großer, dunkler Fleck.

Ein flüchtender Schatten streifte die Wand. Blitzschnell drehte sie sich um. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Wer ist da?“, rief sie mit zitternder Stimme. Keine Antwort. Nur das Ticken der Wohnzimmeruhr und das gleichmäßige Flackern der Kerzen.

Sie wandte sich wieder dem Bild mit dem leeren Podest zu. Erst jetzt bemerkte sie die feuchten Farbflecken, die den Teppichboden dort, wo das Bild gelegen hatte, verklebten. Kleine Tropfen bildeten eine Spur in die Küche. Helena schnappte nach Luft. Eiskalter Schweiß rann ihr aus allen Poren. Hätte sie doch nur auf Katie und den Verkäufer gehört!
Mit wackligen Beinen stand sie auf und nahm eine der Kerzen. Auf Zehenspitzen schlich sie sich näher an die Küche heran. Ihre Knie waren weich wie Pudding. Was, wenn dort wirklich das Mädchen aus dem Bild hockte? Angst kroch in jede Faser ihres Körpers. Langsam öffnete sie die angelehnte Tür, die Kerze wie eine Fackel vor sich haltend. Das Pochen in ihren Ohren wurde immer lauter. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie im fahlen Licht der Kerze etwas zu erkennen. Vor lauter Anspannung biss sie sich auf die Zunge. Ein metallischer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus.
Plötzlich fiel das Licht auf ein paar blutrote Augen, die sie aus der Dunkelheit anstarrten. Helena schrie laut auf und ließ vor Schreck die Kerze fallen, die sofort auf dem kalten Fliesenboden verglühte. Ein leises Kichern.
Hektisch versuchte Helena sich im Dunkeln zu orientieren. Ins Bad! Sie tastete sich an der Wand entlang, bis sie die Tür zum Badezimmer fand, die sie hinter sich abschloss. Erschöpft ließ sie sich auf den Fußboden sinken. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihren Brustkorb und ihre Glieder zitterten. Sie japste nach Luft. Das durfte doch alles nicht…
Sie lauschte. Es war still. Das Gewitter musste vorübergezogen sein.
Plötzlich, Schritte! Sie näherten sich! Helena presste ihr Ohr fest gegen die verschlossene Tür. Kleine Kinderschritte… Sie blieben direkt vor der Tür stehen. Dann folgte ein Kratzen auf Holz. Jemand scharrte mit den Nägeln an der Badezimmertür. „Verschwinde“, kreischte Helena. Ihre Eingeweide krampften sich zusammen. „Lass mich in Ruhe!“ Es kicherte wieder.
Auf einmal hörte sie die Stimme eines Mannes. War da noch jemand in ihrer Wohnung? Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass der Fernseher wieder angegangen war. Der Stromausfall war vorüber! Helenas Hand tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Die Badezimmerlampe flammte auf und blendete ihre Augen. Im selben Moment verstummte das Kratzen.
Sie stand auf und ging zum Waschbecken hinüber, hielt ihr verschwitztes Gesicht unter den Wasserhahn. Das kühle Nass war die reinste Wohltat. Sie nahm sich ein Handtuch von der Wand und rubbelte ihre Gesichtshaut bis sie ganz rosig war. Augenblicklich hielt sie inne. War da wieder dieser beißende Geruch nach frischer Farbe? Sie sah in den Spiegel – und starrte genau in das hämisch grinsende Gesicht des kleinen Mädchens, das hinter ihr auf dem Badewannenrand hockte.
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