Psychologe oder Psychiater? Wer hilft mir weiter?

mhm

Herzlich willkommen zu einem weiteren Blogpost der Mental Health Months. Mehr über diese Themenmonate findet ihr hier.

Gerade wenn man noch überhaupt keine Erfahrung mit der Erkrankung der Psyche gemacht hat, ist man gerne ein bisschen überfordert. Wo findet man Hilfe für sein Problem? Eignet sich ein Psychologe oder ein Psychiater? Oder doch lieber eine Klinik? Brauche ich überhaupt Hilfe oder kann ich das nicht auch allein schaffen?

Fest steht, dass viele Menschen sich nicht trauen, Hilfe anzunehmen, weil sie sich schämen. Dabei ist ein Besuch beim Psychiater oder Psychologen heutzutage längst nichts mehr, wofür man sich schlecht fühlen muss. Wie viele Menschen psychische Leiden haben, merkt man schnell, wenn man versucht, einen Termin bei einem Spezialisten zu bekommen. Die sind nämlich meist total ausgebucht und man wird erst einmal auf die Warteliste gesetzt. Wie man dennoch einen Platz bekommt und wie man den richtigen Experten für sein Problem findet, möchte ich in diesem Artikel näher erläutern.

Zuerst stellt sich für manchen die Frage: Psychologe oder Psychiater – ist das nicht dasselbe? Viele kennen den Unterschied gar nicht, dabei ist dieser gravierend. Psychologen, auch Psychotherapeuten genannt, führen Gesprächstherapien durch, zum Beispiel die sehr bewährte Verhaltenstherapie. Von dieser Art der Therapie können Menschen mit Ängsten und Phobien ebenso profitieren, wie Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, wie z. B. Borderline. Auch depressive Menschen können bei einem Psychologen Hilfe finden. Allerdings sollten gerade Menschen, die Probleme mit dem Affekt, also der Stimmung, haben, sowie Patienten mit psychotischen Symptomen wie Wahn oder Halluzinationen auch einen Psychiater aufsuchen. Der große Unterschied zum Psychologen liegt darin, dass der Psychiater befugt ist, Medikamente zu verschreiben. Das darf ein Psychologe nicht. Wer also Antidepressiva, Beruhigungsmittel oder Neuroleptika benötigt, sollte einen Termin bei einem Psychiater vereinbaren.

Wie bereits im Teaser angekündigt, ist es meist schwer, einen Termin bei einem Spezialisten zu bekommen. Am besten sucht man sich mehrere Ärzte/Therapeuten aus und lässt sich auf deren jeweilige Warteliste setzen. Dann heißt es geduldig sein – und zwar gerade bei Therapeuten bis zu einem Jahr! Psychiater vergeben in der Regel schneller Termine, aber auch hier könnten ein, zwei Monate ins Land ziehen. Privatpatienten haben bei der Terminvergabe meist noch einen Vorteil. Sie müssen nicht ganz so lange Wartezeiten hinnehmen, wie Kassenpatienten.

Was auch von Vorteil sein kann, ist, wenn man bei seiner Krankenkasse den Facharztvertrag abschließt. Das ist beispielsweise für AOK-Kunden möglich. Ob es das auch bei anderen Krankenkassen gibt, habe ich leider nicht herausgefunden. Vielleicht weiß jemand von euch mehr? Wer sich über das Facharztprogramm der AOK informieren möchte, findet hier nützliche Informationen. Ich bin selbst in diesem Facharztprogramm und bin dadurch schneller bei einem Psychiater und Therapeuten aufgenommen worden. Außerdem bekomme ich in kürzeren Abständen einen neuen Termin, d. h. bei meinem Psychiater zwei Mal im Quartal und bei meiner Therapeutin wöchentlich.

Was sollte ich beachten, wenn ich den ersten Termin bei einem Therapeuten oder Psychiater habe? Zunächst einmal ist es wichtig, dass man mit dem Spezialisten auskommt. Ein Therapeut, der mir unsympathisch ist oder ein Psychiater, der sich keine Zeit für mich nimmt, ist in der Regel nicht sehr hilfreich. Es muss „passen“, das ist die Basis für ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt/Therapeut und Patient. Dann ist es wichtig, dass man ganz offen mit dem Arzt/Therapeuten umgeht und möglichst genau schildert, was für Probleme man hat. Jedes kleine Detail kann hierbei wichtig sein. Der Spezialist sollte in der Lage sein, sich ein möglichst umfassendes Bild von dir zu machen.

Verschreibt ein Psychiater Medikamente, dann ist nicht gesagt, dass es gleich die richtigen sind. Antidepressiva und Neuroleptika brauchen in der Regel ein paar Wochen, bis sie wirken. Tut sich aber gar nichts, dann ist es womöglich nicht das richtige Medikament. Auch bei heftigen Nebenwirkungen sollte man unbedingt seinen Psychiater informieren. Es kann sein, dass er die Medikation dann ändert. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich aber sagen, dass die Nebenwirkungen meist nur zu Beginn der Behandlung wirklich heftig sind und dann mit der Zeit nachlassen. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich ein passendes Medikament gefunden habe und mittlerweile fast alles getestet, was es aktuell so auf dem Markt gibt.

Für eine Klinik sollte man sich entscheiden, wenn man den Alltag überhaupt nicht mehr auf die Reihe bekommt. Auch bei Suchterkrankungen wie Alkoholismus oder Drogensucht wäre eine stationäre Therapie ratsam – genauso wie bei Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht. Wer nicht ganz so heftig beeinträchtigt ist, aber trotzdem eine intensive Behandlung wünscht, kann sich für eine sogenannte Tagesklinik entscheiden. Dort geht man morgens hin und am späten Nachmittag wieder nach Hause – so als, würde man zur Arbeit oder zur Uni gehen. Tageskliniken bieten genau wie stationäre Kliniken verschiedene Therapien an, z. B. Musik- oder Kunsttherapie. Außerdem kommt es meist auch zu einer medikamentösen Behandlung, die von einem Psychiater überwacht wird. Ich selbst habe eine ziemlich ausgeprägte Klinik-Phobie, deshalb waren Tageskliniken für mich bisher die einzige machbare Option.

Ich möchte hier noch einmal darauf hinweisen, dass ich kein Experte bin. Dennoch habe ich in den letzten 10 Jahren viel Erfahrung mit Psychologen und Psychiatern, Kliniken und Tageskliniken, Medikamenten und verschiedenen Therapieformen gemacht. Es war mir ein Anliegen, diese Erfahrung mit euch zu teilen und ich hoffe, ich konnte mit meinem Artikel ein bisschen weiterhelfen und denen, die sich bisher nicht in eine Behandlung getraut haben, ein wenig Zuspruch geben.

Wer wirklich psychische Probleme hat, sollte nicht versuchen, es „selbst in den Griff zu kriegen“. Das funktioniert nicht und macht die Sache nur noch schlimmer. Ein Mensch, der sich ein Bein bricht, käme auch nicht auf die Idee, sich selbst zu behandeln. Sucht euch einen Spezialisten, der zu euch passt und euch weiterhelfen kann. Die Suche kann etwas mühsam sein, das gebe ich zu. Aber es lohnt sich auf jeden Fall.

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5 Kommentare zu “Psychologe oder Psychiater? Wer hilft mir weiter?

  1. Hallo liebe Myna,

    ich finde es toll, wie liebevoll und einfühlsam du diese Reihe aufbereitest. Man merkt, dass dir das Thema sehr am Herzen liegt und das gefällt mir wirklich gut. Auch finde ich es bewundernswert, wie offen du mit deinen eigenen Erfahrungen umgehst. Gerade weil man bei psychischen Krankheiten schnell den Stempel aufgedrückt bekommt.

    Es ist erschreckend, dass man so lange auf Termine bei Spezialisten warten muss. Da ist es auch egal, ob du ein psychisches oder physisches Problem hast, beides kann gleich unangenehm bzw. dringlich sein. Deutschlands Krankenkassen – und Ärztesystem ist schon sehr viel besser als in anderen Ländern, aber trotzdem noch ausbaufähig, finde ich :/

    Liebe Grüße und hab ein schönes (langes ;)) Restwochenende! 🙂
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Sarah,

      freut mich, dass dir mein Artikel gefallen hat. Ja, da gebe ich dir recht: Es ist ein ernsthaftes Problem, dass man so lange auf einen Termin warten muss. Ich hatte bei meiner jetzigen Therapeutin Glück, sie war neu in einer Gemeinschaftspraxis und hat sich gerade einen Kundenstamm aufgebaut – da konnte ich sofort mit der Therapie anfangen. Aber die Jahre davor musste ich auch immer auf Termine bei Fachärzten warten. Trotzdem sind wir in Deutschland noch besser versorgt, als es in anderen Ländern der Fall ist.

      Liebste Grüße und einen schönen Feiertag!
      Myna

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