Soziale Phobie – Wenn Schüchternheit krankhaft wird

mhm

Willkommen zu einem weiteren Beitrag der Mental Health Months. Mehr Informationen über diese Themenmonate findest du hier.

Heute wollen wir uns mit einem Thema beschäftigen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Es geht um Sozialphobie, auch soziale Angststörung genannt. Diese Krankheit ist sehr weit verbreitet und neben der Agoraphobie und Panikattacken die am häufigsten auftretende Form der Angststörung. Unterschiedliche Quellen berichten, dass 1,7 bis 16 % der Bevölkerung daran leiden – vermutlich ist es ein Mittelwert. Das Tückische an der Krankheit ist, dass sie oft nur als „Schüchternheit“ abgetan wird. Dabei ist die soziale Phobie eine ernst zu nehmende Krankheit, die die Betroffenen sehr in ihrem Alltag einschränkt und belastet.

Schüchternheit und Sozialphobie – was ist der Unterschied?

Der Übergang von der Schüchternheit zur Sozialphobie ist fließend. Schüchterne Menschen sind gehemmt im Umgang mit anderen. Sie halten sich gerne im Hintergrund, fühlen sich anderen Menschen gegenüber unsicher und haben leichte Ängste in sozialen Situationen, zum Beispiel, wenn sie vor anderen Menschen sprechen oder an Veranstaltungen teilnehmen müssen.

Die Ängste von einem Menschen mit Sozialphobie sind um einiges stärker, als die eines Schüchternen. Sie sind so heftig, dass die Patienten angstbesetzte Situationen vermeiden und somit ihr Leben immer mehr einschränken. Der große Unterschied ist, dass die Furcht von Schüchternen oft noch von Außenstehenden nachvollziehbar ist, während die extremen Ängste von Sozialphobikern meist auf Unverständnis treffen.

Leider realisieren Sozialphobiker oftmals nicht, dass sie psychisch krank sind. Sie denken, ihr Verhalten sei normal und ihre eigene Schuld. Oder eben einfach eine „Macke“. Dabei kann Sozialphobie therapiert und sogar medikamentös behandelt werden. Viele haben auch Angst, als „verrückt“ oder „irre“ abgestempelt zu werden und gehen deshalb nicht zum Arzt.

Wie äußert sich die Krankheit?

Menschen mit sozialer Phobie haben Angst vor sozialen Situationen mit anderen Menschen. Sie fürchten Partys und Veranstaltungen, Arbeit im Team, Sprechen vor Publikum, Restaurantbesuche, Telefongespräche, usw. Häufig ist die Angst vor dem anderen Geschlecht besonders ausgeprägt. Die Patienten ziehen sich immer mehr zurück und es kann zur vollkommenen Isolation und Vereinsamung kommen.

Das Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen von Menschen mit sozialer Phobie ist sehr gering. Viele haben nicht gelernt, sich selbst zu schätzen und zu lieben. Das projizieren sie auf andere – und denken, dass diese sie auch nicht leiden können. Sie kontrollieren sich ständig selbst, fragen sich, was andere von ihnen halten oder ob sie sich richtig benehmen.

In sozialen Situationen treten häufig Angstsymptome wie Händezittern, roter Kopf, Übelkeit, Harndrang, Durchfall, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel, Atemnot, usw. auf. Manche sprechen zu schnell, nuscheln oder stottern.

Die Betroffenen leiden sehr unter ihren Ängsten. Im Gegensatz zu introvertierten Menschen, die das Alleinsein bevorzugen und dabei keinerlei Leidensdruck verspüren, hätten Menschen mit sozialer Phobie meist gerne Kontakt zu anderen. Doch ihre Angst hält sie zurück.

Nicht selten geht die soziale Phobie mit anderen psychischen Krankheitsbildern einher. So können z. B. Depressionen oder Panikattacken auftauchen. Häufig greifen die Patienten zu Beruhigungsmitteln, Alkohol und Drogen, um sich „selbst zu therapieren“. Die Selbstmordgefahr ist hoch. Je länger man an einer sozialen Phobie leidet, desto höher ist die Gefahr, dass sie chronifiziert.

Es gibt sogar wirtschaftliche Konsequenzen: Sozialphobiker sind dreimal häufiger arbeitslos, als Menschen ohne diese Krankheit und fehlen häufiger am Arbeitsplatz.

Wie entsteht eine soziale Phobie und wenn trifft sie?

Meist entwickelt sich eine Sozialphobie schon im Kindesalter. Eine angeborene Verhaltenshemmung kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich zurückhaltend und kontaktscheu geben. Aber auch eine traumatisierende soziale Erfahrung, wie z. B. Mobbing oder Ausgrenzung in der Schule oder Probleme in der Familie und mit den Eltern, können zu sozialer Phobie führen.

Im Gegensatz zu z. B. ADHS, fallen Kinder mit einer Sozialphobie in der Schule nicht negativ auf und werden deshalb oft auch als angenehm empfunden. Der Leidensdruck der jungen Patienten wird oft gar nicht erkannt.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Außerdem trifft die Krankheit öfter alleinlebende, als verheiratete Menschen.

Wann sollte ich mich in Therapie begeben?

Wenn du so sehr unter deinen sozialen Ängsten leidest, dass deine Lebensqualität eingeschränkt ist, du immer häufiger soziale Situationen meidest und dir deine Angst eine tägliche Last ist, dann würde ich dir raten, einen Arzt aufzusuchen. Als erste Anlaufstelle kannst du zu deinem Hausarzt gehen, der wird dir dann sicher eine Empfehlung geben können, welchen nächsten Schritt du tun sollst – ob es nun eine Verhaltenstherapie mit einem Psychologen oder eine medikamentöse Therapie mit einem Psychiater ist.

Wenn du dir unsicher bist, ob du an sozialer Phobie leidest, kannst du hier einen Test machen. Natürlich ist dieser nur eine erste Einschätzung und kann keine ärztliche Diagnose ersetzen.

Buchtipps zum Umgang mit Ängsten findest du u. a. hier.

 

 

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4 Kommentare zu “Soziale Phobie – Wenn Schüchternheit krankhaft wird

  1. Liebe Myna,
    du sprichst mir aus der Seele. Für mich war es eine solche Erleichterung als ich Erfahren habe, dass es einen Namen dafür gibt, was ich jahrelang nicht in Worte fassen konnte. Es war nicht nur Schüchternheit und starkes Introvertiertsein. Zu wissen das es eine Soziale Phobie ist, hat mir alleine schon sehr geholfen, mich in vielen Situationen besser zu verstehen. Ich wusste plötzlich warum ich so reagiere, wie ich reagiere. Ich versuche mich manchmal in Situationen zu drängen die mir Angst machen, einfach aus dem Grund, weil ich weiß, wie viel Spaß es mir im Ende machen wird. Wie viel glückliche Momente ich daraus ziehen kann. Es gab aber auch Phasen, die waren sehr Dunkel, ich habe mich wirklich von allem zurück gezogen, die einzigen, die ich noch an mich heran gelassen habe, waren meine Familie. Ich habe da viele Freundschaften vielleicht kaputt gemacht, weil die meisten Menschen es nicht verstehen, wenn man sich auf einmal nicht mehr meldet. Danke für deinen Bericht. Wirklich wunderbar geschrieben 🙂

    Liebe Grüße,
    Alexandra

    Gefällt 1 Person

    • Hallo liebe Alexandra,

      ich freue mich, dass dir mein Artikel gefallen hat und du dich darin wiederfinden konntest. Ja, manchmal ist es wirklich erleichternd, endlich eine Diagnose zu bekommen, damit man versteht, was eigentlich mit einem los ist.

      Ich kenne auch diese dunklen Kapitel im Leben, wo man sich von allen zurückzieht – da bist du nicht allein! Auch mich hat es so manche Freundschaft gekostet, aber ich habe mir dann einfach gesagt, dass das wohl keine „wahren“ Freunde waren. Denn richtige Freunde bleiben, auch wenn es einem mal schlecht geht.

      Und ja, oft lohnt es sich, sich seiner Angst zu stellen, auch wenn es schwer ist. Man hat dann doch immer wieder schöne Momente, die man sonst verpasst hätte.

      Liebste Grüße
      Myna

      Gefällt 1 Person

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