Mental Health · Umgang/Hilfe

Umgang mit psychisch Kranken – 5 goldene Regeln

Viele Angehörige fühlen sich vollkommen überfordert, wenn ein nahestehender Mensch an einer psychischen Krankheit leidet. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und wie sie ihrem Familienmitglied oder Freund helfen können. In diesem Artikel möchte ich ein paar Tipps zum Umgang mit psychisch kranken Menschen geben. Natürlich kann man nicht alle Patienten über einen Kamm scheren und jeder ist verschieden. Aber meine fünf goldenen Regeln möchte ich dir hier dennoch an die Hand geben.

ACHTUNG! Dieser Blogbeitrag ist von einer Betroffenen geschrieben und ersetzt keinen ärztlichen Rat oder Therapie.

Umgang mit psychisch Kranken - 5 goldene Regeln

1. Akzeptiere, dass ich krank bin

Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und Psychosen sind ernst zunehmende Erkrankungen und keine Schwächen oder Launen des/der Betroffenen. Ein depressiver Mensch ist krank und nicht „einfach nur extrem schlecht drauf“.

Sprüche wie „Denk doch mal positiv!“ oder „Du bist doch gar nicht so übel dran. Anderen Menschen geht es viel schlechter.“ werden im besten Fall nichts bewirken. Im schlimmsten Fall jedoch verschlimmern sie die Symptome des/der Betroffenen noch, weil er/sie sich unverstanden fühlt und noch tiefer in den Abwärtsstrudel gerät. Einem Menschen mit einer Angststörung zu sagen, er soll „nicht so ein Hasenfuß sein“ oder einem Menschen mit Depressionen zu raten „nicht alles so schwer zu nehmen“, hat ungefähr den selben Effekt, wie einem/r Querschnittsgelähmten zu sagen: „Lauf gefälligst selber.“ Auf diese Idee würde kein Mensch kommen. Wieso dann bei psychischen Erkrankungen?

Psychische Symptome sieht man nicht – aber das heißt nicht, dass sie nicht weniger einer Therapie und ärztlichen Behandlung bedürfen, als körperliche Krankheiten.

2. Informiere dich über meine Krankheit

Ich kann Angehörigen nur immer wieder raten, sich so viele Informationen über die Erkrankung zu beschaffen, wie möglich.

Das Internet ist eine gute Quelle für Fachinformationen, aber auch die lokale Bibliothek bietet sicher das ein oder andere Werk zum Krankheitsbild. Den Kampf gegen die Krankheit kann man nur gewinnen, wenn man ihren Verlauf und ihre Symptome kennt, wenn man Frühwarnzeichen deuten kann und wenn man sich über entsprechende Therapiemöglichkeiten informiert hat.

3. Bring mich zu einem/einer Spezialist*in

Psychisch Kranke brauchen ärztliche oder therapeutische Hilfe. Deswegen ist es wichtig, eine*n Psychiater*in oder Psycholog*in aufzusuchen.

Natürlich sollten die Patient*innen auch selbst der Meinung sein, dass sie Hilfe brauchen und freiwillig den/die jeweilige/n Spezialist*in aufsuchen. Das kann mitunter schwierig sein, wenn ein*e Patient*in z. B. an Wahn leidet und sich selbst nicht als „krank“ betrachtet. Gerade bei Psychosen erkennen die Patient*innen selbst nicht, dass sie an einer Erkrankung leiden. Trotzdem sollte man mit ihnen in Ruhe sprechen und ihnen die Notwendigkeit eines Besuchs bei dem/der Spezialist*in klarmachen. Nur in absoluten Ausnahmefällen, wenn z. B. eine Fremd- oder Eigengefährdung besteht, kann man Patient*innen zwangseinweisen lassen.

Beim Erstgespräch mit z. B. einem/einer Psychiater*in, kann es hilfreich sein, wenn der/die Partner*in oder bei Kindern und Jugendlichen die Eltern dabei sind. Oftmals kann ein*e Angehörige*r noch etwas zum Krankheitsbild des/der Patient*in sagen, was diese*r an sich selbst gar nicht beobachtet hat.

4. Geh normal mit mir um.

Wenn eine psychische Erkrankung vorliegt, sollte man trotzdem versuchen, den normalen Alltag am Laufen zu halten. Ständiges Bedauern und Bemitleiden tut dem/der Betroffenen meist nicht gut.

Es ist wichtig, dass man dem/der Erkrankten mit Respekt begegnet und ihn/sie ein wenig entlastet. Aber auch hier gilt: Nicht zu viele Aufgaben abnehmen. Gerade nach einem Klinikaufenthalt sollte der/die Patient*in langsam Schritt für Schritt wieder an den normalen Alltag gewöhnt werden. Jedoch ohne zu viel Stress und Druck, denn das ist Gift für psychisch kranke Seelen und könnte zu einem Rückfall führen.

5. Vergiss dich selbst nicht

Ganz wichtig: Angehörige rutschen gerne in das Muster hinein, dass sie ihr ganzes Leben von der psychischen Erkrankung bestimmen lassen. Davon haben aber weder sie noch der/die Erkrankte etwas. Es ist wichtig, dass du weiterhin gesunde Menschen triffst und dir hier und da eine Auszeit gönnst: ein entspannendes Bad, einen Kaffeeklatsch mit der besten Freundin oder einen gemütlichen Leseabend.

Auch Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch Kranken können hilfreich sein und einen Ausgleich schaffen. Wenn es dich zu sehr mitnimmt, wie dein*e Angehörige*r leidet, denke darüber nach, eine eine Beratungsstelle aufzusuchen. Die gibt es in jeder größeren Stadt.

Das wäre mein Rat an Angehörige von psychisch Kranken. Falls du selbst auch noch Tipps oder Fragen hast, hinterlasse mir gerne einen Kommentar. 


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11 Kommentare zu „Umgang mit psychisch Kranken – 5 goldene Regeln

  1. Mein Bruder hat die Symptome das er Stimmen hört von Personen die nicht da sind. Die ihm oft sagen das er es zu nichts bringt bzw das er bald sterben wird. Wir waren bereits mit ihm in Behandlung. Und er bekommt Blocker und Termine Bein Arzt… Nun seit ein paar Tagen nimmt er seine Medikamente nicht mehr und wir können ihn nicht überzeugen das es notwendig ist. Was kann man tun? Er redet sich selbst ein das alles gut ist. Ich aber bemerke die alten Symptome die mich vor der Diagnose darauf aufmerksam gemacht haben.

    Habt ihr Tipps?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Max,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Bevor ich dir antworte, möchte ich darauf hinweisen, dass ich selbst „nur“ Betroffene und keine Psychologin oder Psychiaterin bin. Ich kann also nur aus meinen persönlichen Erfahrungen Tipps geben und keine professionellen Ratschläge.

      Oje, das klingt nach einer sehr schwierigen Situation, in die ihr da geraten seid. Leider kommt es immer wieder vor, dass Menschen, die an einer Psychose wie z. B. Schizophrenie leiden, ihre Therapie abbrechen und nicht einsehen wollen, dass sie die Medikamente brauchen.

      Hat dein Bruder denn geäußert, warum er seine Medikamente nicht mehr nimmt? Viele lehnen Psychopharmaka z. B. wegen der starken Nebenwirkungen ab. Oder sie haben das Gefühl, die Medikamente nicht mehr zu brauchen, weil sie symptomfrei sind (dabei sind sie das WEGEN der Medikamente und nicht, weil sie die Medikamente nicht mehr brauchen). Setzen sie sie auf eigene Faust ab, kann das zu einem heftigen Rückfall führen.

      Wie ist denn das Verhältnis zwischen dir und deinem Bruder? Wenn ihr euch gut versteht, kann ich dir nur dazu raten, weiterhin auf ihn einzureden. Allerdings nicht, indem du ihn drängst oder ihm gar drohst, sondern indem du ihm sagst, dass du dir Sorgen machst und ihm aufzeigst, dass es ihm ohne die Tabletten ja wieder psychisch schlechter geht. Bei Patienten mit psychischen Krankheiten ist es ganz, ganz wichtig, dass sie Vertrauen zu ihren Angehörigen haben. Wird das Vertrauen verspielt, ist es umso schwieriger den Angehörigen wieder in die Therapie zurückzuführen. Versuche, Verständnis für seine Situation zu zeigen und bleib möglichst ruhig bei euren Gesprächen, auch wenn das mitunter sehr schwierig sein kann, wenn dein Bruder ggf. keine Einsicht zeigt.

      Weiß der Arzt deines Bruders über die Situation Bescheid? Und wie ist das Verhältnis zwischen deinem Bruder und dem Arzt? Wenn ein enges Vertrauensverhältnis besteht, könntet ihr eventuell versuchen, den Arzt mit ins Boot zu holen. Vielleicht kann er deinen Bruder ermutigen, seine Therapie fortzusetzen oder – falls dein Bruder unter starken Nebenwirkungen leidet – die Medikation ändern. Fühlt sich dein Bruder bei seinem Arzt nicht wohl, könntet ihr versuchen, einen neuen Arzt für den Bruder zu finden, mit dem er sich besser versteht. Ich weiß, das ist sehr schwierig und gerade in ländlichen Gebieten hat es oft nur eine psychiatrische Praxis in der Umgebung (wenn überhaupt). Aber vielleicht besteht ja die Möglichkeit.

      Alternativ gibt es auch in vielen Städten psychologische Beratungsstellen oder sozial-psychiatrische Dienste, bei denen ihr um Hilfe bitten könntet. Manchmal lässt sich ein psychisch Kranker leichter auf eine Beratungsstelle ein als auf einen Facharzt.

      Sollte die Psychose ganz, ganz schlimm werden und dein Bruder sein eigenes Leben oder das Leben anderer Menschen gefährden, könntet ihr natürlich auch versuchen, ihn einweisen zu lassen. Aber die Hürden dafür liegen hoch und das sollte wirklich nur der allerletzte Ausweg sein. Denn so etwas kann dein Bruder als Verrat oder Vertrauensbruch deuten, was fatal für euer Verhältnis wäre.

      Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft für diese schwierige Situation.

      Herzliche Grüße
      Myna

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      1. Vielen Dank für die Hilfreichen Tipps… Wir konnten ihn überzeugen das die Medikamente notwendig sind…. Er ist nun auch zu einer Tagesstätte gegangen wo er sich mit Leuten mit ähnlichen Problemen austauschen kann… Das hatte ihm sein Arzt schon vorher empfohlen wird konnten ihn überzeugen das das gut tun kann :)

        Gefällt 1 Person

      2. Na, das sind doch tolle Neuigkeiten, Max. Das freut mich sehr für euch. :) Ich hoffe, dein Bruder fühlt sich in der Tagesstätte wohl und knüpft neue Kontakte.

        Herzliche Grüße
        Myna

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  2. Hey ho,
    vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Ich finde er bietet einiges an Diskussionspotential. (Oder so ähnlich :-) ).
    Ich habe durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Verein für psychisch erkrankte Menschen bzw. durch Bekannte / Freunde viel mit Menschen zu tun, die oft in Krisen stecken.
    Daher interessiert mich, wie du die dritte Regel erlebt hast. Natürlich ist es wichtig, dass Menschen, die in einer Krise stecken, geholfen wird.
    Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass es hier sehr oft zu Konflikten kommt und sich dann die Angehörigen erst mal den „Du hast mich eingewiesen“- Schuh anziehen und mit der Wut des erkrankten Menschen leben „müssen“. Gab es bei dir auch mal diese Momente, in denen du deine Angehörigen für manche der Regeln verflucht hast? (Wenn dir das zu persönlich ist, kannst du mir sonst auch gern per Mail antworten…).

    Ich finde das Thema psychische Erkrankung wahnsinnig spannend und bin daher auch froh, wenn es Betroffene gibt, die so offen über ihre Erlebnisse sprechen. Es geht mir also nicht darum, dich anzugreifen, oder den Artikel infrage zu stellen :-).

    viele Grüße
    Emma

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Emma,

      kein Problem. Ich gehe recht offen mit meiner psychischen Erkrankung um und daher beantworte ich auch gerne deine Fragen. :)

      Du hast recht, die 3. Regel ist ein bisschen schwierig und es kommt immer wieder vor, dass Menschen, die eigentlich einen Therapeuten oder Psychiater benötigen würden, diese ablehnen und den Angehörigen Vorwürfe machen, wenn sie sie trotzdem dazu überreden wollen. Mir selbst ging es auch schon so, dass meine Angehörigen wollten, dass ich Medikamente nehme, ich das aber nicht wollte (wegen der Nebenwirkungen). Aber irgendwann haben meine Angehörigen dann doch immer gewonnen und ich habe eingesehen, dass es nicht anders geht. Ich denke, man muss da einfach einfühlsam bleiben und versuchen, den Patienten zu verstehen (er hat ja auch Gründe für seine Ablehnung), ihn dann aber vorsichtig versuchen, dazu zu überreden, sich doch mal helfen zu lassen. Das ist nicht immer einfach. Ich habe selbst die Erfahrung bei einem mir nahestehenden Menschen gemacht, der sich einfach nicht helfen lassen will. Zwingen kann man ihn natürlich auch nicht. Es sei denn, er gefährdet sich selbst oder andere.

      Liebste Grüße
      Myna

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