Myna fragt … Sylvia Rieß

Vor ein paar Tagen habe ich euch ja das erste Buch der Märchenspinnerei vorgestellt: „Der Sylvia RießAxolotlkönig“ von Sylvia Rieß. Schon während des Lesens sind mir viele Gedanken im Kopf herumgegangen, unter anderem auch Fragen, die ich der Autorin gerne gestellt hätte. Umso cooler ist es, dass ich die Gelegenheit bekam, mit Sylvia Rieß ein Interview zu führen.

Die Autorin wurde 1985 in Wetzlar geboren und begann schon als Grundschülerin mit der Schreiberei. 2005 machte sie ihr Abitur und studierte anschließend Tiermedizin. Im Mai 2015 veröffentlichte sie den ersten Band ihrer Sternenlied Saga „Der Stern von Erui“.

Hallo Sylvia, erst einmal vielen lieben Dank, dass du mir Rede und Antwort stehst.

Aber klar doch. Ich muss ehrlich sagen, ich finde es immer noch komisch, wenn Leute ein Interview mit mir machen bzw. lesen wollen. Schließlich sind es doch meine Bücher, die jene Botschaften in sich tragen, die in die Welt hinaus sollen. 🙂

Vor einigen Monaten hatten wir zum ersten Mal Kontakt. Damals habt ihr gute Feen für die Märchenspinnerei gesucht, zu denen ich mich heute zählen darf. Wie ist die Märchenspinnerei eigentlich entstanden?

Es ist ja im Rahmen der Autorenvorstellungen auf unserer Homepage schon öfter angesprochen worden, aber ich erzähl es natürlich immer wieder gerne.

Angefangen hat es im Tintenzirkel. Das ist ein Autorenforum für Fantasy- und SciFi-Schreiber. In einer Diskussion zum Thema: „Ist es tatsächlich so, dass Indie-Autoren sich immer anfeinden? Kann man nicht besser zusammenarbeiten? Etc.“ haben wir ziemlich bald festgestellt, dass wir Selfpublisher oder auch die sogenannten Hybrid-Autoren (teils verlagsveröffentlicht, teils Indie) eigentlich keine schlechten Erfahrungen mit Kollegen gemacht hatten. Und dann kam man natürlich darauf zu sprechen, wo wir so die Probleme und Tücken sehen, wenn man als Indie alles allein machen muss. Und witzig war, dass halt jedem was anderes leicht von der Hand ging. Und dann war da ganz schnell die Frage: Ja, warum eigentlich nicht mal ein Projekt zusammen machen?

„Der Axolotlkönig“ ist eine Märchenadaption des „Froschkönigs“ und der „Schneekönigin“. Wie kam es dazu, dass du genau diese Märchen in deinem Buch neu interpretieren wolltest?

Wollen ist das falsche Wort. Fantasy, romantisch, Teenie, Contemporary … nicht gerade meine Welt. Hättest du mich vor zwei Jahren zum Release von Erui gefragt, ob ich mir vorstellen kann, sowas zu schreiben, dann hätte ich einmal laut gelacht. Überhaupt, nach meinem eigenen „Meisterwerk“ noch was anderes schreiben? Das habe ich gar nicht im Blick gehabt.

Aber dann irgendwie wurde durch meinen regelmäßigen Austausch im Tintenzirkel irgendwo was getriggert.Der NaNoWriMo 2015 stand an und ich hatte dafür schon geplottet und durfte noch nicht losschreiben und wollte doch so gern. Und dann hat mich die finale Überarbeitung von „Schattenkriege“  (Teil 2 aus der Erui-Saga) auch ein wenig genervt, weil alles so anstrengend war.

Mein Kopf hat danach geschrien, kreativ sein zu dürfen. Neue Bilder und neue Charaktere zum Leben erwecken. Und ja … als ich dann das Bild „Der Axolotlkönig“ von meiner Schwägerin mal wieder bei ihr sah, da hat es „klick“ gemacht. Ich hatte sofort diesen Pitch hier im Kopf:

„Fynn ist sechzehn, hat ein großes Mundwerk, einen reichen Vater und sieht gut aus. Das Beste an ihm ist aber, dass er Leadsänger in einer eigenen Rockband ist. Zumindest war er das, bis zu diesem Zwischenfall. Jetzt ist er noch genau 20 cm groß mit glitschiger, kupferfarbener Haut und lebt in einem Aquarium. Auch noch ausgerechnet in Leonies Aquarium, des langweiligsten Mädchens an der gesamten Schule. Komische Klamotten, dicke Hornbrille und immer ein Buch vor der Nase.

Zunächst fragt er sich nur, wie er in diese missliche Lage geraten konnte und vor allem, wie er herauskommt. Dann aber bekommt er durch die Wände seiner beengten Behausung einen tieferen Einblick in Leonies Leben und plötzlich fragt er sich nur noch, wie er ihr helfen kann.“

Dieser Pitch enthält alles, was ich nicht mag. Und doch wollte ich daraus ne coole Geschichte machen, die einfach anders ist, als man es erwarten würde.

Wo wir gerade schon bei den Märchen sind: Hast du ein Lieblingsmärchen?

Schwierig. Ein einziges vermutlich nicht. Ich mag Märchen im Allgemeinen. Also die Variante von Märchen, in denen die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Es ist so dieses Gerechtigkeitsding, das ich mag, selbst wenn ich weiß, dass es im Leben eben nicht immer so läuft.

Als Kind mochte ich Arielle. Die kleine Meerjungfrau im Original finde ich ganz grässlich und gemein. Die sieben Schwäne, Allerleirau, Gevatter Tod, die haben mich immer fasziniert. Aber im Grunde mag ich viele Märchen. Auch aus anderen Kulturkreisen. Es ist erstaunlich, dass manche Gestalten, Archätypen, uns immer und überall begegnen.

Ganz ehrlich: Als ich den Titel deines Buches erfahren habe, musste ich das Tier „Axolotl“ erst mal googeln. Wie bist du auf dieses Tier gestoßen und warum fandest du es geeignet für deine Geschichte?

Wie schon gesagt, inspiriert hat mich das Gemälde von Dorothee. Sie hat selbst Axolotl, auch schon sehr lange. In meiner Studienzeit war ich mal ne Weile in einer Praxis, in der auch viele Exoten behandelt wurden. Da gab es die auch und ich fand sie einfach immer schon faszinierend und niedlich.

Außerdem: Gattung der Schwanzlurche – mal im Ernst! 😀 Ein kleiner, arroganter Teenie, der isch plötzlich mit dieser Peinlichkeit von Wort konfrontiert sieht. *grins* Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. 😉

Was hat dich für „Der Axolotlkönig“ inspiriert? Und woher nimmst du ganz allgemein deine Ideen für deine Geschichten?

Beim Axolotl war es das Bild und auch die Unterhaltung mit einer Jugendlichen, die stark unter dem Druck ihrer Klassenkameraden gelitten hat.

Bei Erui war es wieder anders. Erui war irgendwie schon immer da, in einer oder anderen Form und ist mit mir über die Jahre gewachsen – und wächst bis heute immer noch.

Ansonsten sind es Reisen und die Erfahrungen, die ich da gesammelt habe. Oder auch das Seemannsgarn meines Vaters, der lange die Weltmeere bereiste.

Meine derzeit liebste „Spinnerei“ ist der Hamster-Roman. Den fing ich an, nachdem ich mal nachts um zwei aus dem Bett gerissen wurde mit den Worten: „Mein Hamster hustet schon eine Woche. Aber jetzt ist es ganz schlimm und er röchelt nur noch.“

Klar habe ich erst versucht, dem armen Tier zu helfen. Aber dann war da diese Szene in meinem Kopf und der Anfang einer neuen Geschichte und statt ins Bett ging ich an den PC.

Du siehst also, in meiner Gegenwart muss man vorsichtig sein, sonst landet man ganz schnell in einem Roman von mir. 😉

„Der Axolotlkönig“ ist wunderbar humrovoll erzählt – und doch behandelt er auch sehr ernste Themen wie Selbstverletzung, Mobbing, Depressionen und Suizid. Das Buch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Wolltest du mit der Geschichte die Menschen für diese Themen sensibilisieren bzw. sie wachrütteln? Steckt in der Geschichte vielleicht sogar eine Botschaft, die du vermitteln wolltest?

Ganz klar, ja! Das ist die Intention des Buches, getarnt als Teenager-Romanze. Naja, so ein bisschen.

Menschen wollen sich natürlich in ihrer Freizeit immer lieber mit nicht so schweren Themen beschäftigen. Darum auch der leichte Ton der Erzählung. Man soll schon nachdenklich werden, aber es soll auch nicht wie Steine im Magen liegen und es ist schon gleich gar kein Therapie-Ratgeber. Aber unsere Welt ist so komplex und wird immer komplexer. Wir Menschen werden immer mehr und doch geben wir immer weniger aufeinander acht. Ein wenig über den Tellerrand blicken. Nicht nur sich und die eigenen Probleme sehen. Denn eins ist sicher: Man findet immer wen, der größere Probleme hat als man selbst.

Es soll ein Fenster öffnen, sich damit auseinanderzusetzen oder es halt einfach als eine kleine, nachdenkliche Geschichte zu genießen. Je nachdem, wonach einem eben ist.

Wie hast du selbst deine Teenagerzeit erlebt? Gab es in deiner Umgebung auch eine „Leonie“, die gehänselt wurde? Ist die Figur am Ende vielleicht sogar an eine reale Person angelehnt?

Ich habe meine Teeniezeit an einer Mädchenschule erlebt. Und ich war damals schon introvertiert und halt einfach ein Träumer, Geschichtenerzähler. Heute würde ich sagen: Ein kleiner Nerd eben.

In einer Klasse mit 30 Mädchen, die oft Kunstturnerinnen oder Athletinnen waren, hab ich einen ganz guten Eindruck davon bekommen, wie unschön Jugendliche untereinander sein können. Ob ich Leonie war? Wohl eher nicht. Ich bin mit der Einstellung aufgezogen worden: Geh deinen eigenen Weg, du bist gut so, wie du bist.

Aber Kinder, die diese Sicherheit nicht haben, für die ist es schwer. In heutigen Zeiten, wo man sich nie von den Kommentaren der anderen flüchten kann, außer man wird zum medialen Außenseiter, ist es glaube ich noch schwerer als in meiner Jugend.

Leonie muss ich ja nicht nur in der Schule die Gemeinheiten ihrer Mitschüler gefallen lassen, nein, auch auf Facebook machen ihre Klassenkameraden sie fertig. Cybermobbing ist ja leider sehr verbreitet und ich habe selbst auch schon Erfahrungen damit gemacht. Ich frage mich oft, ob soziale Medien wirklich „sozial“ sind oder nicht viel zu oft für Mobbing und Verbreitung von Hass missbraucht werden. Wie siehst du das?

Wie alle Neuerungen kommt das Gute mit dem Schlechten. Denk doch mal an unsere Märchenspinnerei. Wie toll es ist, da so vernetzt zu sein und immer up to date!

Doch es hat eben auch Schattenseiten. Die Herausforderungen unserer und der kommenden Generationen ist es, damit umgehen zu lernen. Es gibt kein „Früher war alles besser.“ Früher war halt vieles nur anders.

Eine Figur, die mir gut gefallen hat, ist der junge Poison, den Leonie in einem Esoterik-Forum kennenlernt. Sie entwickeln Gefühle für einander und als Poison sie zu einem persönlichen Treffen überredet, endet das beinahe in einer Katastrophe. Worin siehst du die Gefahren, wenn sich junge Menschen über das Internet verabreden und was ist dein Rat an junge Leserinnen, die sich in einer ähnlichen Situation wie Leonie befinden und sich über das Internet verliebt haben?

Als ich so 13 bis 15 war, da fing das gerade an, sich in Chatrooms zu treffen, dort Leute kennenzulernen und dann eben auch den Schritt zum realen Treffen zu gehen.

Damals wie heute halte ich die Regel für sinnvoll: Kinder sollten ihren Eltern nicht alles sagen müssen. Privatsphäre ist zur freien Entfaltung wichtig. Aber DASS man mit jemandem schreibt, und vor allem, wenn man das erste Mal vor hat, sich zu treffen, sollte kommuniziert werden. Es sollte einen sicheren Rahmen geben und einen Plan, damit eben keine Katastrophen eintreten. Eine Notfallnummer, ein Safeword. Irgendwas. Oder eben auch, dass Eltern einen zu einem solchen Treffen fahren und vielleicht abwarten, bis die betreffende Person sich zeigt. Man weiß auch heute nicht immer, wer genau der am anderen Ende der Leitung ist.

Wenn du deinen Protagonisten Leonie und Fynn persönlich begegnen könntest, was würdest du ihnen sagen wollen? 

Ich würde Leonie gerne sagen, wie wertvoll sie ist und ihr wünschen, dass sie ihre Stärken erkennt, ausbaut und nutzt. Ein schüchternes, wissensdurstiges, junges Mädchen kann zu einer brillanten und wundervollen Frau heranwachsen, wenn sie erkennt, dass das Leben aus mehr als aus Facebook-Kommentaren und Likes besteht.

Und Fynn. Nun ja. Ich glaube Fynn hat ganz eigene Probleme. Auch wenn er damit anders umgeht. Unsicherheit ist ein Riesenfaktor in der Teeniezeit. Jeder kaschiert das anders. Fynn durch seine große Klappe. Aber ich denke, er beweist schon genug Einsicht. Und außerdem hat er ja Robby.

Könntest du dir vorstellen, im Rahmen der Märchenspinnerei vielleicht noch weitere Bücher herauszubringen?

Äh … ja. Zwei weitere „Pitches“, also rohe Ideen, habe ich ja sogar schon. 😉

Wie wird es mit der Märchenspinnerei in den nächsten Monaten weitergehen? Worauf dürfen wir uns freuen?

Auf ganz viel Tolles. Also, ehrlich jetzt. Einige Geschichten sind ja schon fertig. Band 2 zum Beispiel ist eine ganz wundervolle ERzählung, die fast schon ein direkter Kontrast zum Axolotl ist. Einfach eine großartige Idee, die von Barbara so herrlich umgesetzt wurde, dass ich schon beim Testlesen Gänsehaut hatte.

Auf die beiden schwererziehbaren Teenies von Susanne freue ich mich auch schon. Und auf Tinas Wintertraum. Leider kann ich jetzt hier nicht weiter ins Detail gehen. Das ist doch alles schrecklich geheim. 😉 Aber ihr werdet eine tolle Mischung aus heiter und ernst, nachdenklich, locker und ja, später auch düster erleben.

Wir bleiben auch nicht nur in heimischen Gefilden. Von Ost nach West lassen wir uns ein bisschen durch die Märchenwelt treiben und es macht jetzt schon ganz viel Spaß, den Ideen beim Wachsen zuzusehen.

Liebe Sylvia, ich bedanke mich für das Interview und wünsche dir weiterhin noch viel Erfolg und alles Gute!

Vielen Dank. 😀

Mehr Informationen über Sylvia Rieß bekommt ihr auf ihrer Homepage oder ihrer Facebook-Fanpage.

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2 Kommentare zu “Myna fragt … Sylvia Rieß

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