Rote Tränen der Verzweiflung – Selbstverletzendes Verhalten

Heute möchte ich noch einmal auf „Der Axolotlkönig“ von Sylvia Rieß eingehen und einem damit verknüpften Thema. Vor einer Woche habe ich ja schon einen Beitrag zum Thema Mobbing gebracht. Heute möchte ich gerne einen weiteren Punkt beleuchten, der in dem Buch thematisiert wird: Selbstverletzendes Verhalten (SVV).

Für diesen Artikel musste ich auch gar nicht viel recherchieren, denn SVV ist etwas, das in meinem Leben leider noch immer eine wichtige Rolle einnimmt. Ihr wisst ja bereits, dass ich psychische Probleme habe. Wovon die meisten aber nicht wissen, sind die Narben, die meine Arme und Beine zieren. Ja, ich leide unter SVV – und das schon seit dreizehn Jahren.

Im Folgenden möchte ich euch SVV näher vorstellen und euch davon berichten, wie es mein Leben beeinflusst und wie ich damit umgehe. Vielleicht kann ich damit dem einen oder anderen da draußen helfen, der betroffen ist oder eine betroffene Person kennt. Das wäre mein Ziel und nur deshalb oute ich mich in diesem Artikel. Nicht, weil ich Aufmerksamkeit erhaschen oder gar bemitleidet werden möchte. Ich will einfach nur anderen Menschen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie verstanden werden.

Rote Tränen der Verzweiflung - Selbstverletzendes Verhalten

Dieser Text kann Menschen, die an SVV leiden, triggern. Ich rate ihnen deshalb, sich gut zu überlegen, ob sie weiterlesen möchten.

Am Anfang stand ein Streit

Es begann mit einem harmlosen Streit, wie man ihn als Teenager gerne einmal mit seinen Eltern führt. Ich weiß sogar noch das Thema des Streits, aber das ist so lächerlich, dass ich es an dieser Stelle nicht nennen möchte. Ich war gerade vierzehn Jahre alt und in meiner Rebellenphase. Es ging darum, dass meine Eltern etwas über meinen Willen hinweg entschieden. Etwas, mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden war.

Ich fühlte mich verletzt, wütend und ohnmächtig. So kam es dazu, dass ich mich zum ersten Mal selbst verletzte. Am Anfang war es noch recht „harmlos“. Ich piekste mir mit Reißnägeln und Nadeln in die Haut und biss mich selbst, bis zum Bluterguss.

Später kam dann auch die wohl bekannteste Form des SVV, das sogenannte „Ritzen“ hinzu, bei dem sich der Betroffene mit einem scharfen Gegenstand, z.B. Rasierklingen oder einem Messer in die Haut schneidet. Auch Leonie in „Der Axolotlkönig“ ritzt sich – in diesem Fall mit einer Glasscherbe.

Es gibt aber noch ganz andere Wege, sich selbst zu verletzen. Manche Menschen verbrennen oder verbrühen sich die Haut, schlagen den Kopf gegen die Wand oder versuchen sich absichtlich, Knochen zu brechen. Auch das Schlucken von scharfen Gegenständen zählt zum SVV und ist sehr riskant.

SVV ist keine Erkrankung

SVV ist an sich selbst keine Erkrankung sondern nur ein Symptom und kann bei unterschiedlichen Erkrankungen auftreten. Ganz typisch ist dieses Symptom für die Borderline Persönlichkeitsstörung. Aber auch Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen oder der Multiplen Persönlichkeitsstörung können ein SVV entwickeln. Auch bei Traumata und Drogen- und Alkoholabhängigkeit kann SVV auftreten.

Eine Zeit lang war SVV auch ein richtiger Trend unter Jugendlichen. Eine Entwicklung, die ich nicht gut heißen kann und will. SVV ist eine schlimme Sache. Es ist nicht „cool“ sich zu ritzen. Viele Menschen, die einmal damit angefangen haben, kämpfen jahrelang dagegen an. Und jedes Mal, wenn sie glauben, es geschafft zu haben, kommt wieder ein Rückfall. Deshalb: Falls du jemals mit dem Gedanken spielen solltest, dich selbst zu verletzen, dann tu es nicht! Du könntest dadurch in einen Teufelskreis geraten, aus dem es nicht einfach ist, wieder zu entkommen.

In Deutschland schätzt man, dass  600.000 bis 1,2 Millionen Menschen an SVV leiden. Frauen sind hierbei fünfmal so oft betroffen, wie Männer. Das Symptom tritt besonders häufig bei Jugendlichen auf. 34 % der Betroffenen sind zwischen elf und sechzehn Jahre alt. Dagegen sind nur etwa 7 % über vierundzwanzig Jahre alt.

Der Zweck und die Absichten von SVV

Doch warum verletzen sich Menschen selbst? Verfolgen sie damit selbstmörderische Absichten?

Menschen, die zu SVV greifen, leiden unter einem extremen emotionalen Druck und starken Gefühlen von Trauer, Wut, Frustration, Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Das SVV fungiert hierbei wie ein Ventil, das diesen Druck ablässt. Das absichtliche Zufügen von Schmerzen lindert diesen emotionalen Druck und es gelingt den Betroffenen, sich zu entspannen und quasi „die Luft rauszulassen“.

In der Regel wollen sich Menschen, die sich selbst verletzen, nicht umbringen, auch wenn das manchmal so den Eindruck macht. Meist ist genau das Gegenteil der Fall: Sie wollen überleben! Und um sich Linderung von ihren extremen Gefühlen zu verschaffen, fügen sie sich Schmerzen zu.

SVV kann auch eine Form der Selbstbestrafung sein, z. B. wenn eine Person einen extremen Hass auf sich selbst hat oder sich wegen einer Sache schuldig fühlt.

Es gibt auch Menschen, die SVV benutzen, um andere zu manipulieren oder Aufmerksamkeit zu erhaschen. Doch meist geschieht SVV hinter verschlossenen Türen. Die Betroffenen schämen sich für ihre Narben und verstecken sie.

Skills und andere Methoden, das SVV loszuwerden

Viele Patienten, die als Jugendliche angefangen haben, hören mit dem Eintritt des Erwachsenenalters von alleine damit auf.

Doch das ist nicht bei jedem der Fall. Mit einer Psychotherapie haben SVV-Patienten allerdings reelle Chancen, eine Heilung zu erfahren.

Dort lernen sie neben Stressbewältigungstechniken auch sogenannte „Skills“, mit denen sie „Schneidedruck“ abbauen können. Zu diesen Skills zählen z. B. Eiswürfel auf die Haut drücken, eine Chilischote zerbeißen oder ein Gummiband, das man ums Handgelenk trägt, gegen die Haut schnippen. Auf diese Weise wird ebenfalls Druck abgebaut, ohne dass sich der Betroffene ernsthaft verletzt.

Außerdem kann ein Therapeut dem Betroffenen helfen, über seine Gefühle zu sprechen und sie anders, auf gesunde Weise, zu bewältigen. Auch eine Aufarbeitung der Vergangenheit und der dort antrainierten Verhaltensmuster kann sinnvoll sein.

Solch eine Therapie braucht allerdings viel Zeit, im Durchschnitt etwa zwei bis vier Jahre. Danach ist es wichtig, dass der Patient Rückfälle vermeidet, um nicht wieder in den Teufelskreis zu gelangen. Denn SVV ist eine Form von Sucht. Als „geheilt“ bezeichnen kann man sich erst, wenn man mindestens fünf Jahre „clean“ ist.

Mein Rat an Betroffene

Es ist erst einmal ein großer Schritt, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen. Meist geschieht SVV ja im Geheimen und die Betroffenen schämen sich dafür. Dennoch ist es wichtig, dass man andere Menschen einweiht, denn nur so kann man Hilfe bekommen. Wenn es nicht die eigenen Eltern sind, dann sollte zumindest der besten Freundin oder dem besten Freund das psychische Leiden des Betroffenen anvertraut werden.

In vielen Städten werden psychologische Beratungsstellen angeboten, wo Betroffene sich Hilfe suchen können. Das war auch meine erste Anlaufstelle. Nachdem ich den Mut aufgebracht hatte, meiner Mutter von meinem SVV zu berichten, vermittelte sie mir in einer solchen Beratungsstelle einen Termin.

Natürlich kann später dann eine Verhaltenstherapie bei einem Psychologen erfolgen. Auch sollte abgeklärt werden, was die Gründe für das SVV sind und ob gegebenenfalls andere psychische Erkrankungen vorliegen, die einer Behandlung bedürfen. Depressionen beispielsweise könnte auch ein Psychiater mit Antidepressiva behandeln. Über die verschiedenen Funktionen von Psychologen und Psychiatern habe ich hier schon einmal berichtet.

Weitere Informationen

Wer sich weiter über SVV informieren möchte, kann sich einmal die Seite „Rote Linien“ anschauen. Ebenfalls sehr interessant fand ich das Schriftstück „Über Sinn und Unsinn von Autoaggression bzw. Selbstverletzendes Verhalten (SVV)„.

Wenn du selbst an selbstverletzendem Verhalten leidest und dich bisher noch nicht getraut hast, jemandem davon zu erzählen, kannst du gerne mit mir Kontakt aufnehmen. Ich bin zwar keine Therapeutin, aber ein Gespräch mit einer Person, die ähnliches erlebt wie du, könnte vielleicht hilfreich sein. Auf jeden Fall möchte ich, dass du weißt, dass du mit deinem Problem nicht alleine bist. 🙂

 

 

 

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5 Kommentare zu “Rote Tränen der Verzweiflung – Selbstverletzendes Verhalten

  1. Gut, dass Du hier so offen und kompetent mit dem Thema umgehst. Ich bin selber zwar nicht betroffen, habe aber sehr lange mit sich selbst verletzenden Jugendlichen beruflich zu tun gehabt. Auch diese furchtbare Modewelle habe ich mit bekommen. Eine Junge hätte sich fast umgebracht, als er aus dem Versuch heraus, einem Mädchen zu gefallen, auch ritzen wollte. Bei anderen war es reiner Hilfeschrei und wir konnten sie rechtzeitig auffangen, bevor das selbst verletzen zur Gewohnheit wurde. Für andere half es, die passende Therapie für ihr eigentliches Krankheitsbild zu finden. Manchen konnten wir nur wenig oder garnicht helfen. Ich glaube, wenn Betroffene wie Du selbst das Wort ergreifen und von ihren Erfahrungen berichten, ihr Wissen teilen, dann ist das sehr viel wert und hilft sehr vielen Menschen. Danke dafür 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Hallo JoFo,

      danke für deinen Kommentar. Es freut mich, dass dir mein Artikel gefallen hat.

      Ja, es ist schrecklich, dass sich da so eine Mode entwickelt hatte. Die Jugendlichen waren sich gar nicht im Klaren darüber, was sie da eigentlich taten und wie leicht sie da in einen Teufelskreis geraten könnten.

      Ich finde es toll, dass du Betroffenen hilfst. Ich würde das auch gerne tun, aber solange ich selbst noch darunter leide, kann ich das natürlich nicht tun. Ich muss es erst einmal selbst überwinden.

      Liebste Grüße
      Myna

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo liebe Myna,

    ich finde es so mutig, dass du zu deinem selbstverletzenden Verhalten stehst und öffentlich darüber sprichst. Denn gerade die Stimmen Betroffener helfen anderen Betroffenen am meisten. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als Ritzen (ich finde allein das Wort schon so abwertend) „in“ war. Das kam bei uns zeitgleich mit der Emo-Mode auf, dass ja alle Emos scheiße seien und sich sowieso jeder ritzt, weil ihm langweilig ist. Mich hat es sehr erschrocken, wie leicht eine ernsthafte psychische Erkrankung abgetan wurde. Zum Glück hat sich das in meinen Augen etwas gelegt.

    Ich hoffe sehr, dass du lernen kannst, aus diesem Teufelskreis zu entfliehen. Aber so, wie ich es aus deinem Post herauslesen kann, bist du auf einem sehr guten Weg. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, Stärke und Menschen, die da sind, um dich aufzufangen ❤

    Liebe Grüße,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Sarah,

      danke für deinen Kommentar. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass dir mein Artikel gefallen hat. Ich muss ganz ehrlich sagen, es ist mir nicht ganz leicht gefallen, den Artikel zu schreiben und mich quasi damit zu „outen“, doch ich dachte mir, dass ich damit vielleicht anderen Betroffenen helfen kann und das hat mich schlussendlich ermutigt.

      Oh ja, genau, die Emos – daran erinnere ich mich auch noch gut. Ich fand diese Modewelle auch sehr schlimm. Vor allem war es auch irgendwie respektlos gegenüber denen, die wirklich unter psychischen Erkrankungen litten und deshalb ritzten. Fand ich jedenfalls …

      Ja, ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Jedenfalls tue ich es schon viel seltener als früher und letztes Jahr hatte ich es sogar über mehrere Monate im Griff.

      Liebste Grüße
      Myna

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  3. Pingback: Monatsrückblick Februar 2017 | Myna Kaltschnee

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