Myna fragt … Barbara Schinko

Vor Kurzem war es ja soweit: Das zweite Buch der Märchenspinner wurde veröffentlicht.

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Foto: Rainer Putzinger

Es heißt „Ein Mantel so rot“ und stammt von der wunderbaren Barbara Schinko. Und das Beste: Ich durfte die Autorin mit meinen Fragen löchern, was mich sehr gefreut hat.

Barbara Schinko wurde 1980 im österreichischen Linz geboren und wuchs in einer Kleinstadt auf. Sie studierte Internationale Wirtschaftsbeziehungen und war im Controlling- und Finanzbereich tätig. Barabra Schinko schreibt Kinder- und Jugendbücher und gewann mit ihrer Märchenadaption „Schneeflockensommer“ sogar den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis im Jahr 2016. Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie in Linz.

Hallo Barbara! Erst einmal vielen lieben Dank, dass du dich für ein Interview zur Verfügung stellst.

Gerne! Ich freue mich immer über Interesse an meinen Büchern (und ein klein wenig auch an mir :-)).

Du hast das zweite Buch der Märchenspinnerei geschrieben. Erzähl uns doch einmal, wie du zu den Märchenspinnern gekommen bist.

Wir kennen uns alle aus einem Autorenforum. Und im Zuge einer Forumsdiskussion – es ging um Selfpublishing – kam heraus, dass ganz viele von uns entweder schon an einer Märchenadaption arbeiteten oder wenigstens mit einer liebäugelten. Da dachten wir: Wie cool wäre es denn, die als gemeinsame Reihe herauszubringen?

Dein Buch ist eine Adaption zu „Rotkäppchen“, einem der beliebtesten Märchen der Brüder Grimm. Warum hast du dich genau für dieses Märchen entschieden?

Mich überfiel die Idee zu einer Geschichte über ein erwachsenes Rotkäppchen und einen Wolf, der zugleich ein Jäger ist. Dieser Rollentausch, dieses Spiel mit Identitäten war der Grundgedanke meiner Adaption. Wie wird das Rotkäppchen zum Rotkäppchen? Wie der Jäger zum Wolf?

Und daraus entstand das für mich zentrale Thema des (sich) Vergessens, (sich) Verlierens, (sich/einander) Wiederfindens. Diese paar Sätze aus der Leseprobe sind daher für mich eine der Schlüsselszenen in meiner Geschichte:

Dein Name ist Venko“, raunte Zoya in sein Ohr. „Venko, Venko, Venko.“ Sie gab ihm für jedes „Venko“ einen Kuss und ermahnte ihren Mann: „Vergiss deinen Namen nicht!“
„Wie könnte ich ihn vergessen, meine Zoya“, raunte er zurück, „wenn ihn vergessen auch dich vergessen hieße?“

Da wir gerade von Märchen sprechen: Hast du ein Lieblingsmärchen?

Ja, und es ist nicht „Rotkäppchen“. 🙂 Ich liebe „Brüderlein und Schwesterlein“, „Fundevogel“ mag ich ebenfalls sehr gerne. Generell die Märchen, in denen Geschwister einander retten. Auch die „Sieben Raben.“

In „Ein Mantel so rot“ geht es um Zoya und deren Mann Venko, der sich in einen Wolf verwandelt. Zuerst dachte ich, dass es sich bei ihm um eine Art Werwolf handelt, doch in deinem Nachwort betonst du, dass du von alten Mythen inspiriert wurdest. Ist der „rasende Wolf“ eine Erfindung von dir oder basiert er auch auf Mythen?

Die Mythen, auf die ich mich beziehe, werden bei Herodot und bei den Germanen erwähnt. Es geht um Krieger, die Wolfspelze tragen und sich – so heißt es – im Kampf in Wölfe verwandeln können.

Heutzutage haben Wölfe ja in der Fantasy fast schon Kultstatus, aber in früheren, abergläubischen Zeiten kann diese Idee des Wolfsmanns kein positiv besetztes Bild gewesen sein. Ein Mensch, der sich in ein Tier verwandelt, dadurch zwar übermenschliche Fähigkeiten erlangt, sich aber zugleich außerhalb jeder zivilisierten Verhaltensnorm bewegt? Und was passiert, wenn er verlernt, sich zurückzuverwandeln? Oder es einfach nicht mehr will? So jemanden in seinem Dorf zu haben, musste Unbehagen auslösen. Misstrauen. Angst, die sich in Zorn, in Hass verwandeln konnte. Von diesen Überlegungen war es nur mehr ein kleiner Schritt zum „rasenden Wolf“.

Du sprichst in deiner Geschichte auch das ernste Thema Alkoholismus an. Ich habe den Eindruck, dass vor allem junge Menschen die „Droge Alkohol“ häufig unterschätzen und nicht erkennen, wie gefährlich und schädlich sie sein kann. Was denkst du darüber?

Ich finde, man sollte Alkohol nicht verteufeln, aber auch nicht verharmlosen. Und genau das geschieht in unserer Kultur leider sehr oft, vor allem bei Jugendlichen. Mal mit Sekt anzustoßen, mit Freunden ein Bier zu trinken ist eine Sache. Sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, am Wochenende wie immer „total abgestürzt“ zu sein und damit noch anzugeben, ist etwas völlig Anderes. Alkohol schmeckt vielen, er gehört oft „einfach dazu“, er ist jedoch ein Suchtmittel. Dessen muss sich jeder bewusst sein.

Ein Mantel so rot“ war nicht deine erste Märchenadaption. Im Jahr 2015 hast du das Buch „Schneeflockensommer“ herausgebracht, das auf Frau Holle basiert und die Geschichte von Pechmarie neu interpretiert. Damit hast du sogar den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis im Jahr 2016, so wie den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien gewonnen. Wie hast du erfahren, dass du die Preise gewonnen hast und was war das für ein Gefühl?

Ein unglaubliches! Vor allem der Österreichische Kinder- und Jugendbuchpreis, der kam ja auch früher. Ich wusste nicht einmal von der Einreichung für den Preis – die war über den Verlag gelaufen – und als dann der Brief kam, konnte ich es nicht glauben. Ich habe ein paar Tage lang niemandem außer meiner engsten Familie davon erzählt. Der Brief lag in meinem Arbeitszimmer. Ich bin immer wieder hingeschlichen und habe mich davon überzeugt, dass er noch da war. 🙂

Manche Märchen sind ja mitunter sehr grausam. Ein Wolf, der die Großmutter und das Rotkäppchen frisst, eine böse Königin, die das Schneewittchen vergiftet oder eine Hexe, die Hänsel braten möchte. Immer wieder bekomme ich Diskussionen mit, ob Märchen nicht zu brutal für zarte Kinderseelen seien. Wie denkst du darüber? Glaubst du, Kinder können da gut unterscheiden, was Fiktion und was Wirklichkeit ist?

Ich glaube, dass Kinder – kleine Kinder – die Brutalität in den Märchen nicht als so schlimm empfinden, weil ihnen die dafür notwendige Lebenserfahrung fehlt. Wenn wir als Erwachsene hören, dass jemand vergiftet wurde, denken wir so etwas wie: „Das ist ja furchtbar! Wie qualvoll muss das gewesen sein? Wie geht die Familie des Opfers damit um? Ich erinnere mich daran, wie die Frau meines Nachbarn mit einer Pilzvergiftung im Spital lag; der arme Mann war am Boden zerstört!“

Kindern fehlt diese Lebenserfahrung. Sie sehen nur die für sie wichtigen Fakten: Jemand war böse, jetzt kann er niemandem mehr schaden, alles gut.

Aber das gilt natürlich in erster Linie für kleinere Kinder und für geschriebene Märchen. Ich denke schon, dass die bildliche Darstellung von Brutalität, zum Beispiel im Fernsehen oder in Filmen, auch auf kleine Kinder rasch verstörend wirken kann.

Wolltest du eigentlich schon immer Schriftstellerin werden? Oder hattest du als Kind und Jugendliche ganz andere Berufswünsche?

Schriftstellerin. Schon immer. Wir hatten zu Hause einen Stapel Nadeldruckerpapier, das mit den hell- und dunkelgrünen Streifen (gibt es das noch?). Darauf habe ich mit zehn Jahren meine erste Geschichte verfasst.

Angenommen, ein junger Nachwuchsautor liest dieses Interview und bekommt ebenfalls Lust darauf, eine Märchenadaption zu schreiben. Welche Tipps kannst du ihm geben, dass ihm dies gut gelingt?

Das ist natürlich schwierig, jeder arbeitet anders. Für mich gilt: Ich brauche etwas, das mir als heutigem, erwachsenem Leser im Originalmärchen fehlt oder mich daran stört. Etwas, das ich hinterfragen oder aus anderem Blickwinkel betrachten will.

Bei „Schneeflockensommer“ bzw. „Frau Holle“ war das einerseits die Beziehung zwischen den Schwestern, die im Originalmärchen völlig ausgeklammert wird. Wie kommen die Goldmarie und die Pechmarie damit klar, dass die Mutter eine von ihnen ständig bevorzugt? Und andererseits diese brutale, geradezu gehässige Bestrafung am Ende. Die Pechmarie wird mit Pech übergossen, das ewig an ihr kleben bleibt. Warum? Nur weil sie ein paar Hausarbeiten nicht ordentlich erledigt hat?

Bei „Rotkäppchen“ waren es die Charaktere, mit denen ich wenig anfangen konnte. Eine Titelheldin, die sorg- und ahnungslos durch den gefährlichen Wald spaziert und gerettet werden muss, ohne selbst etwas zu ihrer Rettung beizutragen. Ein Wolf ohne Rudel, der scheinbar einfach gerne Menschen frisst. Ein Jäger, der ein Tier auf völlig inhumane Weise tötet. Ich wollte in meiner Adaption die Düsternis, die das ganze Märchen für mich charakterisiert, beibehalten, ebenso die wichtigen Elemente: Rotkäppchen, Jäger und Wolf, aber auch Kuchen und Alkohol, den Wassertrog oder Brunnen vor Großmutters Haus. Und daraus etwas völlig Neues weben – eine bittersüße Liebesgeschichte, garantiert ohne Kitsch, zwischen Rotkäppchen und dem Wolf.

Eine letzte Frage noch: Was wünschst du dir für dich und die Märchenspinnerei für die Zukunft?

Für mich? Nicht so sehr Ideen – die habe ich –, sondern vor allem die Zeit, um sie in Bücher zu verwandeln. Für die Märchenspinnerei wünsche ich mir, dass die Reihe so toll einschlägt, wie wir uns alle das wünschen. Aber noch wichtiger: dass wir, egal, was kommt, nie den Spaß und die Freude an unserem gemeinsamen Projekt verlieren.

Vielen Dank, dass du mir Rede und Antwort gestanden hast.

Bitte, gerne! Es hat mir sehr viel Freude gemacht.

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2 Kommentare zu “Myna fragt … Barbara Schinko

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