Don’t Panic! | Mein Leben mit der Panikstörung

In meinen Beiträgen der Vergangenheit ist es ja immer wieder vorgekommen, dass ich über Angst und Panikattacken geschrieben habe. In fact, es gibt sogar einen Artikel dazu: „Angst vor der Angst – Panikattacken und Agoraphobie„.

Meine ausführliche Geschichte möchte ich heute mit dir teilen, auch wenn ich manches bereits im obigen Artikel angesprochen habe. Ich hoffe, es ist für dich trotzdem noch interessant.

don't panic!

Wie eine Panikattacke sich anfühlt, habe ich ja bereits in meinem oben erwähnten Artikel beschrieben. Sie kommt ganz plötzlich, meist ohne Vorwarnung oder Gründen. Der Puls beschleunigt sich, man gerät ins Schwitzen, bekommt kaum Luft und hat das Gefühl, gleich ohnmächtig umzukippen. Es ist eine schreckliche Erfahrung, die man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünscht. Manchmal kommen die Panikattacken ganz plötzlich und manchmal sind sie an Orte oder Umstände gebunden.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, dass ich früher als Kind schon oft Panikattacken hatte, nur wusste damals noch keiner davon und ich selbst hatte keine Ahnung, das sowas überhaupt existierte. Vor allem im Geigenunterricht und in der Kirche schlug die Panik zu – heute vermute ich, dass das daran lag, dass mir beides nicht besonders gut getan hat. Meinen Eltern gegenüber habe ich zwar erwähnt, dass es mir dort immer schlecht geht, aber es wurde trotzdem nicht recht ernstgenommen. Da möchte ich meinen Eltern aber keinen Vorwurf machen – sie wussten selbst nicht viel über psychische Probleme. Das hat sich erst später ergeben, als ich in Behandlung war.

Ab und zu bin ich auch ohnmächtig geworden, eben gerade beim Geigenunterricht und in der Kirche. Das war mir extrem peinlich und die Angst, dass es immer wieder passieren könnte, packte mich mit voller Wucht. Langsam entstand die Angst vor der Angst bzw. Ohnmacht.

Richtig schlimm wurde es 2010, nachdem ich im vollbesetzten Bus ohnmächtig geworden und mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden war. Das brachte den Stein ins Rollen und die Panikattacken ereilten mich ab sofort besonders heftig – und zwar nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern auch in der Schule, beim Einkaufen, im Wartezimmer beim Arzt, etc. Nur zu Hause ließ mich die Panik in der Regel in Ruhe. Ich hätte mir damals einen Therapeuten suchen sollen, doch ich tat es nicht.

Ich war auf dem Berufskolleg, wo ich jeden Tag mit dem Bus eine Stunde hin und eine Stunde wieder zurück pendelte. Ich hatte viel zu lernen und mir blieb kaum Zeit für Hobbys, geschweige denn für eine Therapie, denn ich lebte in einer kleinen Gemeinde, in der es keine Therapeuten gab. Ich hätte dafür ca. 1,5 Stunden mit Bus und Bahn ins 30 km entfernte Ulm fahren müssen und das war mir einfach zu viel Stress. Zumal die Verbindungen der öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land auch sehr dürftig waren (da fuhr vielleicht drei bis vier Mal am Tag ein Bus).

Hinzu kam, dass ich in dieser Zeit extreme Probleme mit meiner Familie hatte und mich nicht traute, eine „Schwäche“ einzugestehen. So versuchte ich, die Panik allein in den Griff zu bekommen. Und irgendwann klappte es auch einigermaßen.

Doch die Panik blieb nicht für immer weg. Sie kam in den Folgejahren immer wieder zurück und machte mir das Leben zur Hölle. Es gab Zeiten, da konnte ich überhaupt nicht allein aus dem Haus gehen. Ich brauchte eine Begleitperson für die einfachsten Dinge. Sogar zu meinem Psychiater konnte ich anfangs nur gemeinsam mit einer Vertrauensperson gehen.

Auch 2011, als ich in eine größere Stadt in der Stuttgarter Gegend gezogen war, nahm ich noch keine Hilfe an. Lediglich Psychopharmaka ließ ich mir verschreiben, die ich irgendwann aber wieder selbstständig absetzte (mache das NIEMALS!). Ich hatte damals das Gefühl, von der Psychiaterin nicht ernstgenommen zu werden. Mir ging es oft sehr schlecht und ich verschanzte mich zunehmend zu Hause.

2015, nachdem ich erneut umgezogen war, fand ich einen neuen Psychiater (der mich besser verstand, als die 2011) und eine Therapeutin. Jetzt konnte die Therapie so richtig beginnen.

Ich war bis Anfang 2018 in Therapie (kognitive Verhaltenstherapie) und nehme auch heute noch regelmäßig Medikamente. Letztere haben zwar schreckliche Nebenwirkungen, aber es geht mir damit besser. In der Therapie habe ich gelernt, dass ich mich meinen Ängsten stellen muss und das habe ich auch getan. Teilweise zumindest.

Heute geht es mir etwas besser. Die Panikattacken sind seltener geworden und trotzdem habe ich noch Angst vor ihnen. Ich würde mir wünschen, dass sie irgendwann ganz weggingen. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Ich habe zwar immer noch Probleme, allein aus dem Haus zu gehen, doch immer wieder schaffe ich es, meine Angst zu überwinden und Dinge außer Haus zu erledigen. Auch zu meinem Psychiater kann ich inzwischen alleine fahren, auch wenn ich vorher immer ziemlich nervös bin (wegen der Busfahrt, nicht wegen des Psychiaters).

Ich bin mir sicher, dass ich die Panik nie ganz loswerde. Dafür habe ich die Panikattacken schon viel zu lange und ließ sie nicht behandeln. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Meine Tipps zur Überwindung von Panikattacken werde ich in einem separaten Blogbeitrag geben.


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4 Kommentare zu “Don’t Panic! | Mein Leben mit der Panikstörung

  1. Liebe Myna,

    vielen Dank, dass du deine Erlebenswelt so offen mit uns teilst. Als Therapie-Genossin weiß ich es sehr zu schätzen, dass du von deinen Erfahrungen mit der Angststörung berichtest, denn ich weiß, wie viel Überwindung es kostet, öffentlich zu bekennen, dass man unter einer psychischen Erkrankung leidet. Ich gratuliere dir zu deinem Mut, du kannst stolz auf dich sein. Ich halte es für unglaublich wichtig, dass Menschen wie wir, die mit dem eigenen Kopf zu kämpfen haben, das Schweigen brechen, um das Stigma, das psychische Krankheiten umgibt, zu demontieren. Eines Tages werden wir dann vielleicht nicht mehr in eine verletzende Schublade gesteckt.

    Viele liebe Grüße,
    Elli

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Elli,

      vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, auch ich finde es wichtig, dass man offen und ehrlich mit seiner psychischen Erkrankung umgeht, um das Stigma zu vermindern. Ich habe mir geschworen, meinen Beitrag zur Aufklärung über psychische Krankheiten zu leisten, selbst wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Aber auch kleine Beiträge erreichen Menschen – das hoffe ich zumindest.

      Liebste Grüße
      Myna

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