Kurzgeschichte | Rettungsaktion Weihnachtsmann (Humor)

Zum diesjährigen Weihnachtsfest habe ich mir etwas Besonderes einfallen lassen. Wie der eine oder andere sicher weiß, habe ich von 2015 bis 2018 für das Online-Magazin Schreibmeer geschrieben und war auch an den  beiden Anthologien mit Kurzgeschichten beteiligt. Diese sind seit der Einstellung des Online-Magazins leider nicht mehr erhältlich.

Aus diesem Grund möchte ich einen dieser Texte heute mit euch teilen. Meine humorvolle Kurzgeschichte „Rettungsaktion Weihnachtsmann“ erschien zunächst in der Schreibmeer-Anthologie „Gedanken bei Kerzenschein“.

Die Geschichte eignet sich übrigens auch für Kinder, da sie aus der Sicht eines Sechsjährigen erzählt wird. Nur so als Tipp. Über Feedback freue ich mich sehr – für zwei Wochen sind unten drunter die Kommentare geöffnet.

Frohe Weihnachten!

santa-claus-1906513_1920

Rettungsaktion Weihnachtsmann

von Myna Kaltschnee

Das Gerücht, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gäbe, hält sich ziemlich zäh in unserer modernen Welt. Dennoch kann ich beschwören, dass ich den Weihnachtsmann mit eigenen Augen gesehen habe. Ja, wirklich! Was gibt es da zu lachen? Glaub mir, er existiert. Ich würde mir niemals anmaßen, dich anzulügen. Aber da du schon einmal hier bist, möchte ich dir gerne meine Geschichte erzählen, wie ich dem Weihnachtsmann begegnet bin. Du möchtest sie hören? Dann pass gut auf. Es ist schon lange her, doch ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre.

Es war der Abend des 24. Dezembers. Onkel Howard und Tante Dora waren mit meinem Cousin Max aus Houston zu uns ins verschneite New York gereist, um die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Wir saßen beim Weihnachtsessen und genossen den köstlichen Truthahn, den meine Mutter zubereitet hatte, als ich jene Frage stellte, die zum Thema des Abends werden sollte.

„Du, Dad, Max sagt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Stimmt das?“

Mein Vater sah mich mit großen Augen an. „Natürlich gibt es den Weihnachtsmann“, sagte er. „Er kommt heute Nacht, wenn ihr schlaft, und legt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Das wisst ihr doch.“

„Das ist Quatsch!“, rief Max. „Jedes Kind weiß, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.“ Mit seinen neun Jahren war Max gerade einmal drei Jahre älter als ich, hielt sich aber für so schlau wie die Erwachsenen.

„Wer sagt, dass das Quatsch ist?“, fragte mein Vater und stopfte sich eine Gabel voll Nudeln in den Mund, kaute und betrachtete Max mit gerunzelter Stirn.

„Mein Daddy“, antwortete Max und Onkel Howard erntete die irritierten Blicke meiner Eltern.

„Nun ja“, versuchte Tante Dora zu erklären, „wir dachten, es wäre sinnvoll, dem Jungen nicht solche Flausen in den Kopf zu setzen.“

„Flausen? Also ich fand es eigentlich immer ganz schön, dass wenigstens Timmy noch an den Weihnachtsmann glaubt“, bemerkte meine Mutter.

„Soll das heißen, ihr glaubt nicht an ihn?“, rief ich entsetzt.

„Doch natürlich glauben wir an ihn, Timmy“, sagte mein Vater schnell. Dabei entging mir nicht, dass er meiner Mutter verschwörerisch zuzwinkerte.

„Ihr seid ja albern“, sagte Max und brachte damit meine Schwester Abby zum Kichern.

„Was gibt es denn da zu lachen?“, fuhr ich sie entnervt an.

„Will jemand Nachtisch?“, wechselte meine Mom hastig das Thema.

„Was gibt es denn?“, wollte Max wissen.

„Schokopudding mit Vanillesoße. Aber erst, wenn dein Teller leer ist, Max.“

„Au fein!“ Max beeilte sich, seinen restlichen Truthan aufzuessen und auch ich legte einen Zahn zu. Dennoch war der heutige Abend für mich ruiniert. Stimmte es wirklich, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gab? Diese Frage ließ mir keine Ruhe.

Nach dem Essen spielten Max und ich mit meinen Playmobilfiguren, bis es Zeit für uns wurde, ins Bett zu gehen. Tante Dora und Onkel Howard übernachteten in unserem Gästezimmer, während Max kurzerhand mit einem Zustellbett in mein Zimmer einquartiert wurde.

„Liest du uns noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor?“, bettelte ich, als mein Vater uns ins Bett brachte.

„Oh ja, bitte!“, rief Max.

„Na gut, gib mir mal das Weihnachtsbuch rüber, Timmy.“ Ich reichte meinem Vater das Buch und er blätterte darin herum. Schließlich las er uns eine Geschichte vor, in der der Weihnachtsmann kurz vor Weihnachten krank wurde und zum Doktor musste. Ich bekam plötzlich Angst, dass der Weihnachtsmann wirklich krank werden könnte. Was würde dann aus unseren Geschenken? Ich äußerte meine Bedenken, doch mein Vater wusste, mich zu trösten. „Mach dir keine Sorgen, Timmy“, sagte er. „Ich habe gehört, dass der Weihnachtsmann schon auf dem Weg zu uns ist.“ „Wirklich?“, fragte Max mit großen Augen. „Das sagst du doch nur so, oder?“

„Nein, Max. Er ist wirklich unterwegs. Aber er bringt nur den Kindern etwas, die an ihn glauben.“ Er zwinkerte mir zu. Max verschränkte beleidigt die Arme.

„Dann schlaft gut“, sagte mein Vater und löschte das Licht. Ich lag noch eine Weile wach und dachte über die Worte meines Vaters nach, bis ich schließlich der bleiernen Müdigkeit nachgab und in einen wirren Traum glitt.

In der Nacht wachte ich plötzlich auf. Mir war, als hätte ich jemanden rufen gehört. Schlaftrunken schaute ich auf die Leuchtanzeige meines digitalen Weckers. Es war kurz nach zwei. Ich lauschte, doch es war mucksmäuschenstill. Lediglich das leise Heulen des Windes, der um die Hausfassaden pfiff, war zu hören. Wahrscheinlich hatte ich nur geträumt. Ich ließ mich wieder in mein Kissen sinken und schloss die Augen.

„Hilfe! Hilfe!“

Sofort saß ich hellwach in meinem Bett. Ich hatte mich nicht getäuscht – da rief tatsächlich jemand.

„Hilfe! So helft mir doch!“

Da, wieder! Es war eine sehr tiefe Stimme und ich konnte sie zunächst niemandem zuordnen. Es waren nicht die Stimmen von Daddy und Onkel Howard und die Frauen schieden ja von vornherein aus.

„Max?“, flüsterte ich in die Dunkelheit. „Max, hast du das gehört?“ Doch Max schlief tief und fest und ich bekam nicht mehr als ein leises Knurren aus ihm heraus, als er sich auf die andere Seite rollte. Dann musste ich der Sache eben alleine auf den Grund gehen. Ich kletterte aus meinem Bett, schlüpfte in meine Hausschuhe und schlich zu meiner Zimmertür. Leise öffnete ich sie gerade so weit, dass ich hindurch schlüpfen konnte, und huschte den Flur entlang.

„Hilfe! Hilfe!“

Die Rufe waren jetzt deutlich zu hören. Sie kamen aus dem unteren Stockwerk. Auf Zehenspitzen schlich ich die Treppe hinunter. Lediglich ein fahler Lichtschein, den die Straßenlaterne durch das Fenster im Hausflur warf, leuchtete mir den Weg.

„Hilfe! So helft mir doch!“

Als die tiefe Stimme wieder durch das Erdgeschoss hallte, glaubte ich, sie dem Wohnzimmer zuordnen zu können. Die halb verglaste Tür dorthin war geschlossen. Ich wusste, dass dieser Raum für mich bis morgen früh eigentlich verboten war. Sollte ich mich trotzdem hineinwagen und nachsehen, woher die Rufe kamen?

„Hilfe! Hilfe! So hilft mir doch endlich jemand!“

Meine Entscheidung war gefallen. Wer auch immer da um Hilfe schrie, war in großer Not. Da war es egal, dass ich das Wohnzimmer zu früh betrat und damit riskierte, einen Blick auf meine Geschenke zu erhaschen. Entschlossen, doch mit zitternden Fingern, drückte ich die Türklinke hinunter und betrat den dunklen Raum.

„Hilfe!“

Eindeutig, hier war ich richtig. Ich schaltete das Licht ein. Tatsächlich lagen die Geschenke schon unter dem Weihnachtsbaum verteilt.

„Endlich kommt mir mal jemand zur Hilfe!“

Perplex sah ich mich um, konnte aber niemanden entdecken.

„Wo bist du?“, fragte ich.

„Ich bin hier! Im Kamin!“

„Im Kamin?“ Ich rannte auf den Kamin zu und steckte meinen Kopf hinein. Tatsächlich! Zwei Füße, die in dicken schwarzen Stiefeln steckten, baumelten mir entgegen. „Was machst du denn in unserem Kamin?“, fragte ich und erntete dafür einen lauten Seufzer.

„Ich habe die Geschenke gebracht und wollte wieder zurück zu meinem Schlitten, als ich plötzlich in diesem verdammten Kamin stecken geblieben bin. Jetzt komme ich weder vorwärts noch rückwärts. Also sei bitte so lieb und hilf mir, ja?“ So langsam dämmerte mir, mit wem ich es da zu tun hatte.

„Bist du der Weihnachtsmann?“, japste ich aufgeregt.

„Natürlich bin ich der Weihnachtsmann. Warum sollte ich sonst durch euren Kamin klettern?“

„Es gibt dich also doch!“, jubelte ich. Max würde Augen machen, wenn er das erfuhr!

„Klar gibt es mich.“ Er bekam einen Hustenanfall. „Dieser verdammte Ruß“, schimpfte er. Für einen Weihnachtsmann fluchte er aber erschreckend viel. „Kannst du mir jetzt bitte helfen, lieber Timmy?“

„Aber natürlich!“ Dem Weihnachtsmann zu helfen, war doch Ehrensache. Beschwingt packte ich die beiden Füße und zog daran. Ohne Erfolg. Der Weihnachtsmann bewegte sich keinen Millimeter. „Du musst den Bauch einziehen!“, schrie ich.

„Mache ich doch schon die ganze Zeit!“, brüllte der Weihnachtsmann zurück. Ich zog und zog, und plötzlich gab es einen Ruck, und ich purzelte mitsamt den beiden Stiefeln und einer Rußwolke aus dem Kamin auf den Teppich. Ich hustete und schnappte nach Luft. Der Ruß brannte mir in Nase und Augen.

„Na toll. Du sollst mich hier rausholen, nicht mir die Schuhe ausziehen!“, kommentierte der Weihnachtsmann meinen Hilfsversuch.

„Das habe ich doch probiert, aber ich bin nicht stark genug.“

„Dann hol Hilfe. Gibt es denn in diesem verdammten Haus niemanden, der mir aus der Patsche helfen kann?“ Schon wieder fluchte er. Ich hatte mir den Weihnachtsmann ganz anders vorgestellt.

„Ich hole meine Eltern“, sagte ich schließlich.

„Ja, mach das! Aber beeil dich!“ Ich rannte los, die Treppe hinauf zum Schlafzimmer meiner Eltern.

Leise öffnete ich die Tür und schob mich hinein.

„Daddy“, flüsterte ich, „Daddy, wach auf!“ Mein Vater regte sich nicht. Dafür schnarchte er, dass die Wände zitterten. „Daddy, Daddy!“, ich rüttelte ihn. Er grummelte und drehte sich auf die Seite. „Was ist denn?“, murmelte er.

„Daddy, komm, wir müssen den Weihnachtsmann retten.“

„Den Weihnachtsmann retten, sagst du?“, brummte er schlaftrunken.

„Ja, er steckt in unserem Kamin fest.“

„Geh schlafen, Timmy. Wir retten den Weihnachtsmann morgen früh, okay?“

„Nein, das geht nicht. Er steckt in unserem Kamin und kommt nicht mehr raus. Wir müssen ihm helfen. Jetzt!“ Kurz entschlossen zog ich meinem Vater die Bettdecke weg. „Komm jetzt, Daddy!“, drängelte ich.

„Bist du dir sicher, Timmy? Hast du das nicht bloß geträumt?“, mischte sich jetzt meine Mom ein.

„Nein, ich habe das nicht geträumt. Es ist wirklich die Wahrheit!“

„Papperlapapp“, polterte mein Vater, „Was soll der Blödsinn, Timmy?“

„Was, wenn es kein Blödsinn ist, Walter?“, fragte Mom.

„Hilfe! So helft mir doch!“

Die tiefen Rufe des Weihnachtsmanns kamen mir ganz gelegen, denn binnen Sekunden saßen meine Eltern aufrecht im Bett und schauten sich erschrocken an.

„Was war das?“, fragte mein Vater.

„Na, der Weihnachtsmann. Er steckt im Kamin. Jetzt kommt doch endlich!“

Mit einem Satz sprang mein Vater aus dem Bett, schlüpfte in seine Hausschuhe und eilte hinter mir her, die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer.

„Da, siehst du?“ Ich deutete auf die beiden Stiefel, die auf dem rußigen Teppichboden vor dem Kamin lagen. „Da habe ich versucht, ihn rauszuziehen.“ Mein Vater kroch in den Kamin.

„Potzblitz, da steckt wirklich einer drin!“, rief er. Meine Mutter kam nun ebenfalls ins Wohnzimmer.

„Timmy, was hast du wieder angestellt?“, tadelte sie mich.

Ich setzte meinen unschuldigsten Blick auf. „Ich habe nichts gemacht. Ich habe ihn nur gefunden, weil er so laut gerufen hat.“

„Ich meine den Teppich! Schau doch, er ist ja ganz schwarz!“

Mein Vater kletterte wieder aus dem Kamin und klopfte sich den Ruß von den Klamotten.

„Teufel nochmal, was hat der fette Kerl in unserem Kamin zu suchen?“, schimpfte er.

„Ach du liebe Zeit!“, rief meine Mutter, „Wir müssen in herausholen.“

„Könnt ihr das später diskutieren? So langsam wird’s hier drin ungemütlich!“, mischte sich der Weihnachtsmann ein. Mein Vater kletterte in den Kamin zurück und zog nun ebenfalls an den Füßen. Dabei murmelte er irgendetwas, das wie Weihnachtsmann … gibt es doch gar nicht … klang. Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte er daran noch zweifeln?

„Was macht ihr denn da?“ Abby war ins Wohnzimmer getreten und beobachtete ungläubig meinen Vater, der sich noch immer im Kamin mit den Füßen des Weihnachtsmanns abmühte.

„Der Weihnachtsmann steckt im Kamin und …“, begann ich.

„Da steckt einer im Kamin drin?“, rief Abby belustigt und kicherte.

„Was gibt’s denn da zu lachen?“, schimpfte der Weihnachtsmann. „Es ist verdammt eng hier drin!“ „Wohl zu viele Plätzchen genascht, was?“, foppte ihn Abby und gluckste belustigt.

„Abby, du freche Göre! Wenn ich das gewusst hätte … Autsch, verdammt! Nicht so fest!“

„Das ist einfach zu komisch. Das muss für die Nachwelt festhalten werden.“ Abby zückte ihr Handy und drückte auf Record. Mein Vater ließ resignierend die Arme sinken.

„So klappt das nicht“, sagte er. „Wir müssen uns etwas Anderes einfallen lassen.“

„Kann man euch behilflich sein?“

„Howard, Dora, ihr glaubt ja gar nicht, was in unserem Kamin …“, begann meine Mutter.

„Der Weihnachtsmann steckt im Kamin!“, quietschte ich und hüpfte aufgeregt auf und ab.

„Der Weihnachtsmann? Aber den gibt es doch gar nicht!“, rief Max, der als Letzter hinzukam. Somit war die ganze Familie im Wohnzimmer versammelt und beratschlagte darüber, was zu tun sei.

„Ich habe eine Idee“, meinte mein Vater schließlich. „Wenn wir ihn so herum nicht rausbekommen, dann vielleicht von oben. Ich werde mit einem Seil aufs Dach klettern und versuchen, ihn von dieser Seite aus herauszuziehen, und ihr schiebt unten. Okay?“

„Abgemacht!“, sagte Onkel Howard.

„Timmy und ich kommen mit aufs Dach!“, rief Max.

„Kommt nicht in die Tüte! Das ist viel zu gefährlich!“, wehrte sich mein Vater.

„Ach bitte!“ Wir setzten unsere mitleidserregendsten Hundeblicke auf.

„Na gut. Aber seid vorsichtig.“ Das brauchte uns mein Vater nicht zweimal zu sagen. Sofort rannten wir in mein Schlafzimmer und schlüpften in unsere Klamotten. Mein Vater zog sich ebenfalls an und wenig später trafen wir uns im Hausflur wieder, eingepackt in unsere dicken Winterjacken. „Dann mal los“, sagte mein Vater und schritt voran aus dem Haus.

Vor der Tür erwartete uns eine Überraschung.

„Na, sieh sich das einer an!“, rief mein Vater.

„Der Schlitten!“, jubelte ich begeistert. Tatsächlich stand vor unserem Haus ein Gespann mit sechs Rentieren, die nervös im Schnee scharrten. „Schau mal, Daddy. Das mit der roten Nase ist bestimmt Rudolph!“, rief ich.

„Potzblitz, das ist ja unglaublich!“ Mein Vater bekam Augen so groß wie Untertassen. „Dann ist das da drin ja wirklich …“

„Das habe ich doch die ganze Zeit gesagt“, jubelte ich. Während Max und ich die Rentiere streichelten, ging mein Vater in die Garage und holte ein dickes Abschleppseil und eine Leiter.

„Damit sollte es funktionieren!“, sagte er und stellte die Leiter an die Hausfassade. „Ihr Jungs steigt zuerst hoch.“ Flink wie ein Wiesel kletterte Max auf das Dach. Ich folgte ihm, danach kam mein Vater. Zum Glück hatten wir ein Flachdach, sodass es kein Problem war, sich darauf zu bewegen. Wir stapften durch den tiefen Schnee zum Kamin und schauten hinunter. Der Kopf des Weihnachtsmanns blickte uns entgegen. Als er uns entdeckte, erröteten seine Wangen.

„Da seid ihr ja endlich“, sagte er. „Helft mir heraus. Bitte!“ Mein Vater warf das Seil hinunter. „Jetzt gut festhalten“, sagte er und der Weihnachtsmann umklammerte es mit beiden Händen. „Howard, könnt ihr mich hören?“, rief mein Vater in den Kamin hinunter.

„Ja“, kam Onkel Howards gedämpfte Stimme zurück. „Klar und deutlich.“

„Gut, dann zähle ich jetzt auf drei und dann schiebt ihr und wir ziehen.“ Max und ich packten das Ende des Seils. „Eins, zwei, drei!“, rief mein Vater und dann zogen und zerrten wir an dem Seil so fest wir konnten. „Schiebt, schiebt!“, brüllte Daddy, doch der Weihnachtsmann bewegte sich keinen Zentimeter. Enttäuscht ließ mein Vater das Seil los und trottete zum Kamin. „Es tut mir leid, aber so klappt es auch nicht“, rief er hinunter.

„Na, das läuft ja wie geschmiert“, bemerkte der Weihnachtsmann ironisch. Aus seinem Gesicht war jegliche Hoffnung gewichen und er hing wie ein Häufchen Elend in unserem Schornstein.

„Moment mal!“ Mein Vater legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. „Das ist es! Vielleicht funktioniert es so.“

„Was? Haben Sie eine neue Idee? Woran denken Sie?“, rief der Weihnachtsmann hoffnungsvoll. War doch noch nicht alles verloren?
“Sie sagten eben, es laufe wie geschmiert“

„Ja, und?“

„Vielleicht schaffen wir es, wenn wir den Kamin mit etwas einschmieren, damit es besser flutscht. Max, Timmy, los, holt alle Schmierseife, die ihr im Haus finden könnt.“ Hastig kletterten wir vom Dach und rannten zurück ins Haus. Dort angekommen steuerte Max direkt auf das Gästeklo zu, während ich mich auf den Weg zum Badezimmer machte.

„Mom!“, rief ich aufgebracht. „Wir brauchen Schmierseife. Haben wir noch irgendwo Vorräte?“ Meine Mutter eilte aus dem Wohnzimmer.

„Schmierseife? Was wollt ihr denn damit?“

„Den Schornstein einseifen, damit wir den Weihnachtsmann besser rausbekommen.“

„Ja, wir müssten im Keller noch Vorräte haben. Ich schaue gleich einmal nach.“ Ich holte die Flasche mit der Seife aus dem Badezimmer und meine Mutter brachte kurze Zeit später noch zwei Nachfüllpackungen aus dem Keller. Außerdem reichte sie mir drei Flaschen Salatöl.

„Vielleicht klappt es damit auch“, meinte sie.

Mit Öl und Seife schwer beladen machten Max und ich uns wieder auf den Weg zurück aufs Dach. Dort angekommen wurden wir von einem murrenden Weihnachtsmann empfangen. Mein Vater hatte versucht, ihm gut zuzureden, doch langsam schwand seine Geduld.

„Hoffentlich geht euer Plan diesmal auf“, sagte er, während mein Vater, Max und ich die Seife und das Öl in den Kamin schütteten. Als wir damit fertig waren, nahmen wir wieder das Seil auf, das der Weihnachtsmann noch hoffnungsvoll umklammerte. „Auf drei, Howard!“, rief mein Vater in den Kamin.

„Alles klar!“, kam Onkel Howards Stimme zurück.

„Eins, zwei, drei!“ Und dann zogen wir mit voller Kraft. Zuerst wollte sich der Weihnachtsmann nicht bewegen, doch plötzlich gab es einen Ruck und er rutschte langsam höher.

„Gut so, weiter!“, rief er uns zu. Unsere Gesichter waren knallrot vor Anstrengung. Schließlich erreichten die Hände des Weihnachtsmanns das obere Ende unseres Kamins und es gelang ihm, sich herauszuziehen.

„Uff, geschafft!“, rief mein Vater und gab uns Jungs einen High Five. Der Weihnachtsmann hustete und klopfte sich den Ruß von den Klamotten. Sein roter Umhang hatte unschöne schwarze Schlieren abbekommen und glänzte von Öl und Schmierseife. Es war ein erbärmlicher Anblick.

„Ich danke euch vielmals“, sagte er und reichte uns die Hand. „Dafür werde ich euch Jungs nächstes Jahr mit einem Extrageschenk bedenken.“

„Nichts zu danken, Weihnachtsmann“, antwortete ich und strahlte über das ganze Gesicht.

Wenig später saßen der Weihnachtsmann, mein Daddy, Max, Abby und ich in unserer Küche, hielten heißen Kakao in unseren Händen und schlugen uns die Bäuche mit Weihnachtsplätzchen voll. Meine Mom hatte den Weihnachtsmann so lange bequatscht, bis er ihr seinen roten Mantel zum Waschen gegeben hatte. Tante Dora und Onkel Howard waren wieder ins Bett gegangen. Sie waren von ihrem Flug zu erschöpft, um noch länger wach zu bleiben.

„Ehrlich gesagt“, begann mein Vater, „dachte ich immer, dass meine Frau die Geschenke besorgt.“ Der Weihnachtsmann lachte.

„Lydia? Oh nein! Sie gehört zu den wenigen Erwachsenen, die von meiner Existenz wissen. Als sie sechs Jahre alt war, hat sie mir mal im Wohnzimmer ihrer Eltern aufgelauert.“

„Wirklich?“, rief mein Vater erstaunt. „Das hat sie mir nie erzählt.“

„Oh ja! Sie wollte unbedingt wissen, ob sie das Puppenhaus bekommt, das sie sich gewünscht hatte.“

Es fiel mir schwer, mir meine Mom als kleines, neugieriges Mädchen vorzustellen. Diese Neugier hatte sie mir wohl vererbt.

„Ist das nicht schrecklich stressig, an Weihnachten all den Kindern die Geschenke zu bringen?“, fragte Abby und nippte an ihrer Tasse.

Der Weihnachtsmann lächelte. „Natürlich ist das stressig. Das ist ein großer logistischer Aufwand. Alles ist von meinen Helfern, den Weihnachtselfen, genau geplant. Kleinere Zwischenfälle sind natürlich miteingerechnet, aber nicht so Aktionen wie heute.“ Er errötete. „Das ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert. Ich werde mir für’s neue Jahr eine Diät vornehmen. Die im Schneeland werden sich kringeln, wenn sie das erfahren.“

„Im Schneeland?“, fragte ich. „Ich dachte immer, der Weihnachtsmann wohnt am Nordpol.“

„Aber nein, mein Junge!“, schmunzelte der Weihnachtsmann. „Das hat Coca Cola als Erklärung dafür gefunden, dass niemand weiß, wo der Weihnachtsmann jedes Jahr herkommt. In Wirklichkeit komme ich aus dem Schneeland, dass nur mit meinem Schlitten durch ein geheimes Wolkenportal erreichbar ist. Dort können wir das ganze Jahr über ungestört arbeiten.“

„Das ganze Jahr?“, fragte ich. „Dann machst du im Sommer nicht Urlaub?“

„Dafür ist keine Zeit, Timmy. Ich muss die ganzen Geschenke planen und besorgen. Überall warten Kinder an Weihnachten auf den Weihnachtsmann. Da haben meine Elfen und ich alle Hände voll zu tun. Ach, meine lieben Elfen. Ohne sie wäre ich völlig aufgeschmissen.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kakao.

„Wenn ich das in der Schule erzähle, denken alle, ich hätte zu viel Glühwein getrunken“, sagte Abby. Der Weihnachtsmann räusperte sich.

„Es wäre mir ganz recht, wenn die Geschichte unter uns bleiben könnte. Ich will nicht zum Gespött der Leute werden.“ Er sah uns mit flehenden Augen an.

„Na gut“, lenkte Abby ein. „Mir würde sowieso kein Mensch glauben.“ Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und rief das Video auf. „Und zum Beweis, dass ich es ehrlich meine, lösche ich das jetzt.“

„Danke, du bist ein gutes Mädchen, Abby“, sagte der Weihnachtsmann und tätschelte ihren Kopf. „Ganz im Allgemeinen glaube ich, dass jedes Kind im Herzen gut ist. Deswegen bekommt auch jedes Kind von mir ein Geschenk. Alle Kinder sind mal ungehorsam. Das gehört zur natürlichen Entwicklung eines jungen Menschen dazu. Da wäre es unfair von mir, das Kind dafür zu bestrafen.“

„Aber eine Sache musst du mir erklären“, begann Abby. „Wie schaffst du es, jedes Jahr die ganzen Geschenke in einer Nacht zu verteilen? Du musst doch an so viele Orte fliegen und in so viele Schornsteine klettern. Das ist doch in einer Nacht eigentlich völlig unmöglich zu bewältigen.“

Der Weihnachtsmann lächelte.

„Natürlich habe ich da meine Tricks“, sagte er. „In meinem Schlitten ist eine Zeitmaschine eingebaut. Die ermöglicht es mir, das in einer Nacht zu schaffen. Abgesehen davon warten ja nicht Kinder in aller Welt auf mich. Es gibt erstens Länder, in denen Weihnachten so gut wie gar nicht gefeiert wird, und zweitens habe ich ja noch meine Kollegen wie das Christkind und Väterchen Frost, die diese Aufgabe in manchen Bereichen übernehmen. Aber eine stressige Nacht ist es trotzdem.“

Ich wartete einen günstigen Moment ab, in dem alle schwiegen, dann wandte ich mich an den Weihnachtsmann. „Du, Weihnachtsmann, könntest du mir nächstes Jahr das Playmobil-Piratenschiff bringen, das ich mir schon so lange wünsche?“

„Und mir eine Carrerabahn?“, stimmte Max sofort ein.

Der Weihnachtsmann lachte sein tiefes Lachen. „Na, da werde ich doch mal schauen, was ich für euch tun kann. Wer sich mitten bei Nacht aufs Dach traut und den Weihnachtsmann aus seiner misslichen Lage befreit, der soll dafür auch belohnt werden.“ Er zwinkerte uns verschwörerisch zu.

„Seht euch das an, die Flecken sind ganz raus gegangen!“, rief meine Mutter und schwenkte freudig den Mantel vor uns auf und ab. „Und auch der Geruch nach Salatöl ist weg.“

„Der sieht ja aus wie neu!“, lobte der Weihnachtsmann und nahm ihn freudestrahlend entgegen. „Jetzt kann ich endlich meine nächtliche Tour fortsetzen.“

Wir verließen das Haus und folgten dem Weihnachtsmann zu seinem Schlitten.

„Vielen Dank nochmals, Jungs!“, rief der Weihnachtsmann und nahm die Zügel in die Hand. Dann schnalzte er mit der Zunge. „Ho, ho, ho!“ Er zog die Zügel an und die Rentiere setzten sich in Bewegung und wirbelten die glitzernde Schneedecke auf. Ich sah dem Weihnachtsmann noch lange nach, wie er im dunklen Nachthimmel verschwand und die bimmelnden Glöckchen an seinem Schlitten immer leiser wurden.

Niemand hat je erfahren, was in jener Nacht geschehen war. Sogar Abby hat Wort gehalten und darüber geschwiegen. Warum ich euch mein Geheimnis dennoch erzählt habe? Damit all die Kinder dort draußen wissen, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt und er ein ganz feiner Kerl ist. Im Übrigen habe ich im nächsten Jahr tatsächlich das Piratenschiff bekommen. Auf den Weihnachtsmann ist eben Verlass.


Vielleicht interessiert dich auch das?

Achtung!

Beim Senden eines Kommentars werden Daten (z. B. Name, E-Mail, Website, IP-Adresse) gesammelt. Mit dem Abschicken deines Kommentars erklärst du dich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

 

8 Kommentare zu “Kurzgeschichte | Rettungsaktion Weihnachtsmann (Humor)

  1. Sehr witzig. Kein Wunder, wenn er überall die Plätzchen und die Milch vertilgen muss…hihi..und die vielen Lebkuchen, die ja bei ihm gebacken werden.

    Schöne Geschichte.

    Ich wünsche dir noch paar schöne Feiertage

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Monatsrückblick | Dezember 2019 | Myna Kaltschnee

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.