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Corona & Angststörung | 2. Update

Ende März hatte ich einen Artikel zum Thema “Corona & Angststörung – Was die Pandemie mit Angstpatienten macht” auf diesem Blog veröffentlicht. Da der Beitrag gut ankam und ich gefragt wurde, ob es dazu nochmal ein Update im weiteren Verlauf der Pandemie geben würde, habe ich beschlossen, erneut auf dieses Thema einzugehen. Ich hoffe, dass es für den einen oder anderen hilfreich ist. Falls du nach dem Lesen noch Fragen oder Anregungen hast, kannst du sie gerne in die Kommentare schreiben. Ich freue mich immer über Feedback.

Dass so viele Beschränkungen gelockert werden, sehe ich kritisch. Ich verstehe, dass die Wirtschaft zugrunde gegangen wäre, wenn Restaurants, Läden, Kinos und Schwimmbäder weiter geschlossen geblieben wären. Aber ich habe große Angst vor einer zweiten Welle, wenn jetzt alle wieder zur Tagesordnung übergehen. Ich traue dem Braten nicht und ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, dass die Pandemie sich in Luft aufgelöst hat.

Das Haus zu verlassen, fällt mir noch immer sehr schwer. Ich habe regelrecht Panik, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder mich in volle Supermärkte begeben muss. Neben meinen sowieso schon vorhandenen Ängsten und Phobien, wird die Angst vor Ansteckung zunehmend stärker. Während des Lockdowns fühlte ich mich einigermaßen sicher, aber jetzt, wo keiner die Pandemie mehr ernst nimmt, fürchte ich mich umso mehr vor dem Virus.

Vor ein paar Tagen habe ich meine Eltern zum ersten Mal seit Anfang März wiedergesehen. Auch um sie habe ich große Angst, denn für sie ist das Virus noch gefährlicher, als für mich.

Ende Mai hatte ich einen Termin, bei dem ich auf den Bus angewiesen war. Ich hatte solche Angst davor, dass ich schon am Tag vorher an nichts anderes denken und kaum schlafen konnte. Ich musste mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Handyticket kaufen (weil man Fahrkarten ja nicht mehr direkt beim Busfahrer kaufen kann) und obwohl ich eigentlich gut mit Technik klar komme, hatte ich furchtbare Angst, das nicht hinzukriegen oder einen Fehler zu machen. Schließlich schaffte ich es, doch die Busfahrt lag mir so schwer im Magen, dass ich mehrmals kurz davor war, den Termin abzusagen bzw. zu verschieben. Ich hatte schon den Telefonhörer in der Hand und die Nummer gewählt, entschied mich dann aber doch dafür, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen und den Termin wahrzunehmen.

Ich muss euch wohl nicht sagen, was für eine Quälerei das war. Ich schwebte ständig zwischen Panik und Ohnmacht (aufgrund der Angst- bzw. Panikstörung), hatte starke psychotische Symptome (aufgrund der Schizoaffektiven Störung, die in Stresssituationen verstärkt wird) wie Depersonalisation (mein Körper fühlt sich verändert oder fremd an), Derealisation (die Umwelt wirkt “unecht”) und Paranoia (gesteigertes ängstliches Misstrauen gegenüber anderen Menschen und deren “Absichten”).

Trotzdem meisterte ich meinen Termin und war für einen Moment auch ganz stolz darauf, doch der restliche Tag konnte in die Tonne. Ich war danach völlig erschöpft, depressiv und nervös. Abends tauchten erneut starke Ängste auf, wie eine Art “Nachbeben”.

Leider treten diese extremen Ängste gepaart mit schizophrenen Symptomen in letzter Zeit häufig auf, sobald ich mich draußen bewege. Die ganze Welt scheint sich von der Pandemie zu “erholen” und neuen Lebensmut zu schöpfen, nur mir geht es immer schlechter, weil mein “Schutzraum”, der Lockdown, nicht mehr da ist.

Bemerken sollte man vielleicht auch noch, dass ich durch den Lockdown ja weniger draußen war und es mir sicher deshalb noch schwerer gefallen ist, mein sicheres Heim zu verlassen. Ich weiß nicht, wie ausschlaggebend das ist. Wobei ich bereits die Erfahrung gemacht habe, dass es mir NICHT besser geht, je öfter ich nach draußen gehe. Ganz im Gegenteil, es ist jedes Mal aufs neue eine Überwindung und je öfter ich das tun muss, desto gestresster werde ich. Ich habe dadurch weniger Zeit, mich zu “regenerieren”. Diese Erfahrung habe ich z. B. 2015 gemacht, als ich Patientin in einer Tagesklinik war. In dieser Zeit musste ich jeden Tag mit dem Bus fahren und jeder sagte mir, dass es leichter werden würde, je öfter ich es mache. Doch das Gegenteil war der Fall. Irgendwann war ich so panisch, dass ich mich überhaupt nicht mehr traute, in den Bus zu sitzen und dorthin zu fahren. Abgesehen davon, verbrachte ich jede freie Minute im Ruheraum oder zumindest allein, weil es mich so stresste, den ganzen Tag unter Menschen zu sein.

Jedenfalls war der Lockdown, solange ich nicht rausgehen musste, für mich gut auszuhalten. Richtig schlimm wurden meine Ängste erst jetzt, bei den Lockerungen.

Ich weiß nicht, ob ich das so gut genug erklärt habe und ob es für dich nachvollziehbar ist. Ich bin mir bewusst, dass es auch Angstpatienten gibt, bei denen das genaue Gegenteil der Fall war: Der Lockdown hat sie fertiggemacht und jetzt, wo sich alles wieder normalisiert, können sie sich wieder langsam entspannen. Ich denke, das kommt einfach auch auf den individuellen Menschen an. Sicher spielt auch die Frage, ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist, eine Rolle. Für extrovertierte Menschen war der Lockdown der blanke Horror, während ich von einigen Introvertierten gehört habe, dass sie mit den Beschränkungen gut klarkamen.

Wie hast du den Lockdown erlebt, unabhängig davon, ob du Angstpatient bist oder nicht? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.


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