Rezension | “Heimat muss man selber machen” von Sina Trinkwalder

Diese Rezension stammt von meiner Gastbloggerin Katharina.

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"Heimat muss man selber machen" von Sina Trinwalder. Eine Rezension von Katharina Tolle.
Cover: dtv.de

Titel: Heimat muss man selber machen: Wie wir gemeinsam eine lebenswerte Gesellschaft schaffen
Autorin: 
Sina Trinkwalder
Genre: Sachbuch, Gesellschaft, Biografie
Verlag:
 dtv
Seiten: 208 S.
Jahr: 
2020
ISBN: 978-3-423-28228-4
Format: Hardcover (auch als E-Book erhältlich)
Offizielle Website: dtv.de

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Klappentext

Heimat ist kein Ort, Heimat ist eine Frage der Haltung

Sina Trinkwalder hat angepackt, wovon andere nur reden: Sie hat 140 Menschen Arbeit gegeben, hat sie stolz gemacht und ihr Selbstvertrauen geweckt, hat das Leben ihrer Mitarbeiter, hat deren Haltung sich selbst und anderen gegenüber verändert.

Sina Trinkwalder weiß, was es heißt, einem Menschen »eine Heimat zu geben«, denn diese Heimat ist keine des Ortes und der Herkunft, diese Heimat ist eine, die man selber machen muss.

Und Trinkwalder ist überzeugt: Was im Kleinen gelingt, gelingt auch im Großen. Menschen geben sich wechselseitig »Heimat«, wenn sie sich mit Wertschätzung und Fairness begegnen, das funktioniert regional wie national und global. ›Heimat muss man selber machen‹ ist Sina Trinkwalders Manifest für ein besseres Miteinander.”

Quelle: dtv.de

Mein erster Impuls für diese Buchrezension war eine fast schon wissenschaftliche Exegese. Ich wollte ganz genau zitieren und das Buch in allen Einzelheiten auseinander nehmen. Wo bezieht sich die Autorin auf Fakten, wo auf Gefühle? Was stellt sie schlüssig dar, wo widerspricht sie sich selber?

Doch dann habe ich gemerkt, dass diese Herangehensweise dem Buch nicht gerecht wird. Es handelt sich bei dem Buch nicht um einen wissenschaftlichen Aufsatz. Es ist noch nicht mal populärwissenschaftlich. Im Gegenteil: Es handelt sich um persönliche Erfahrungen. In gewisser Weise ist es eine Autobiografie. Und wer käme schon auf die Idee, eine Autobiografie zu analysieren wie einen Fachaufsatz in einer renommierten Fachzeitschrift?

Also habe ich einen Schritt zurück gemacht. Weg von der Tiefenanalyse und hin zu einer Buchrezension.

Worum geht es?

Sina Trinkwalder beschreibt in ihrem Buch Heimat muss man selber machen die Geschichte ihrer Firma manomama. Mit manomama wollte sie bewusst denjenigen Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt geben, die sonst keine Chance haben. Sie wollte ökologisch und sozial nachhaltig wirtschaften und das ganz ohne den Stempel der Gemeinnützigkeit, sondern „normal“, in der Wirtschaft, als ganz normales Unternehmen eben. Sie wollte außerdem ihren Angestellten mehr als nur einen Arbeitsplatz bieten. Sie wollte Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit bieten – Heimat eben!

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Sie hat es nicht geschafft. Sie hat es deshalb nicht geschafft, weil es sich dabei nicht um eine Aufgabe handelt, die man auf einer To-do-Liste abhaken kann. Es ist eine Aufgabe, die nie fertig ist. Heimat hat man nicht einmal erworben und dann in der Hosentasche. Sie muss immer wieder verhandelt werden. Immer wieder müssen sich alle Beteiligten darauf verständigen, was essenziell für den Zusammenhalt ist.

Im Buch beschreibt Sina Trinkwalder, dass sie schon glaubte, am Ziel zu sein. Doch sinkende Auftragszahlen zeigten ihr, dass jenseits der Arbeit die Menschen bei manomama nichts zusammenhielt. Es handelte sich um eine Zweckgemeinschaft.

Sie beschloss, das zu ändern.

In vielen Gesprächen kristallisierte sie die neun Grundsätze heraus, nach denen Menschen bei manomama miteinander umgehen. Anhand dieser „Liste“ von Grundsätzen zeigt die Autorin auf, wie Heimat tatsächlich gelingen kann. Sie bezieht sich dabei immer wieder auf manomama, aber weitet den Blick auch auf die Gesellschaft als Ganzes. Nicht immer ist ihre Analyse dabei unumstritten. Doch immer bewertet sie sich und ihre Mitmenschen mit Nachsicht und Güte. Auch, wenn sie es so prägnant nicht formuliert, scheint doch immer wieder durch: Wenn ich in dieser Situation wäre, würde ich vermutlich genau so handeln. Das ist auch einer der Kernsätze, die ich aus dem Buch mitnehme.

Darüber hinaus ist mir noch das folgende Spannungsfeld im Kopf hängen geblieben: Einerseits zeigt die Autorin auf, dass Menschen nicht nur Geld brauchen, sondern auch Teilhabe. Diese Teilhabe werde durch das jetzige Grundsicherungssystem genauso wenig gesichert wie durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Andererseits sei es aber unzureichend, wenn Arbeit der einzige verbindende Faktor bliebe. Ich schließe daraus, dass sie Arbeit als wichtig sieht, aber gerade in Zeiten unsicherer Arbeitsmarktgestaltung unser gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht nur darauf gründen darf.

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Meine Meinung

Das Buch liest sich flüssig und unaufgeregt. Ja, zwischendurch prangert die Autorin die verrohende Sprache oder verschwindende Tugenden an. Doch alles in allem ist der Grundton des Buches positiv. Leute, bekommt eure Ärsche hoch und macht! Dann könnt ihr was verändern! – so möchte sie es uns wohl zurufen.

[Übrigens ist das Grundeinkommen einer der wenigen Punkte, an denen ich nicht mit ihrer Analyse übereinstimme. Ich gehe nämlich davon aus, dass ein Grundeinkommen genau deshalb Teilhabe schafft, weil alle es bekommen. Es verbindet, während Hartz IV die arbeitslosen Menschen von denjenigen mit Job trennt.]

Überrascht war ich, als Sina Trinkwalder von inklusiver Sprache schrieb. Sie sei früher nicht so darauf gepolt gewesen, sehe aber mittlerweile ein, dass eine sprachliche Inklusion von Frauen und nicht-binären Personen durchaus sinnvoll sei. Sie nutze deshalb in ihrer Kommunikation geschlechtergerechte Formulierungen und das Gendersternchen. So schreibt sie. Das Buch ist allerdings größtenteils im generischen Maskulinum geschrieben. Zwischendurch gibt es Ausnahmen, wenn sie von ihren „Ladys“ in der Produktion schreibt. Aber Unternehmer, Politiker und Journalisten sind alle männlich. Schade. Dass sich auch Bücher mit Gendersternchen durchaus gut lesen (und sogar verkaufen), zeigt Margarete Stokowskis Untenrum Frei. Vermutlich hat hier der Verlag dazwischengefunkt. Wie gesagt: Schade.

Sina Trinkwalders Buch Heimat muss man selber machen lenkt den Blick weg von zugewanderten oder geflüchteten Menschen, die, wie wir leider immer noch häufig hören, sich hier „mal gefälligst anpassen sollen, wenn sie hier leben wollen“. Das Buch richtet den Blick hin zu uns selber. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Was macht Heimat für uns so existenziell aus, dass wir ohne nicht leben können? Wie bekommen wir all die unterschiedlichen Heimatvorstellungen unter einen Hut, obwohl ja bereits (um Trinkwalders Beispiel aufzunehmen) der Bayer vom Land kaum mehr etwas zu tun hat mit dem Münchner?

Diese Konzentration auf uns selbst ist nicht einfach. Obwohl das Buch nicht durch den erhobenen Zeigefinger geprägt ist, bekam ich zwischendurch ein schlechtes Gewissen. Zum Glück bietet Sina Trinkwalder bereits das Gegenmittel gegen dieses schlechte Gewissen: Mach! Gerade ich, die ich selber ein Unternehmen habe, kann Einfluss nehmen. Als liebevollen Arschtritt kann ich das Buch deshalb genauso empfehlen, wie als Gegenbeispiel zum Turbokapitalismus.

Sina Trinkwalder Portrait
Copyright: Barbara Gandenheimer

Über die Autorin

Sina Trinkwalder wurde 1978 in Augsburg geboren. Sie studierte Politik und Betriebswirtschaft an der LMU München. Nach dem Abbruch ihres Studiums gründete sie mit ihrem damaligen Ehemann Stefan Trinkwalder eine Werbeagentur und arbeitete dort als Geschäftsführerin. 2010 gründete sie das Social Business manomama, in dem ehemals arbeitslose Näher*innen ökosoziale Textilien herstellen. Für ihr soziales und ökologisches Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. das Bundesverdienstkreuz im Jahr 2015.

Mein Fazit

Ich empfehle das Buch sowohl allen BWL-Studierenden und Managern, die der Meinung sind, dass man die Gesetze des Marktes weder eindämmen noch ändern kann, genauso wie allen politisch Engagierten, um ihnen Mut zu machen, dass sie etwas ändern können.

Und natürlich empfehle ich es allen Selbstständigen – besonders Frauen, denn das Buch zeigt: Es ist möglich, wenn du nur machst.

Kleine Abzüge gibt es für fehlende Prägnanz an manchen Stellen sowie das generische Maskulinum.

Meine Bewertung


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3 Comments on “Rezension | “Heimat muss man selber machen” von Sina Trinkwalder

  1. Pingback: "2,5 Grad" von Noah Richter | Rezension | Myna Kaltschnee

  2. Huch, diese Rezension habe ich vor einigen Monaten geschrieben. Jetzt, im Lichte der andauernden Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen erscheint mit die Frage noch essentieller: Was macht uns als Gesellschaft aus, worauf können wir kurzfristig verzichten, worauf sogar langfristig?

    Danke, Myna, dass du meinen Gedanken Raum gibst!

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