Myna Kaltschnee

Depression bei Jugendlichen: Karl Brühwiler im Interview

Heute habe ich ein ganz besonderes Interview für dich im Gepäck. Der Psychotherapeut und Autor Karl Brühwiler, der mit psychisch kranken Jugendlichen in der Schweiz arbeitet, hat mir Rede und Antwort gestanden.

Vor kurzem habe ich dir seinen psychoedukativen Comic “Jana am Abgrund” vorgestellt, den ich Jugendlichen mit Depression und deren Angehörigen wärmstens empfehle. Karl Brühwiler hat darin wertvolle Tipps und Informationen in einem unterhaltsamen Comic verpackt und lädt den*die Leser*in ein, sich mit dem Thema Depression auseinanderzusetzen.

Im Interview sprach ich mit Karl über seinen Comic “Jana am Abgrund” *, sowie die Arbeit mit psychisch kranken Jugendlichen.

“Keine Zeit ist so spannend und wegweisend wie die Jugendzeit!”

Hallo Karl, bevor wir das Interview starten, stell dich doch bitte kurz vor. Was machst du?

Ich habe Psychologie und Psychotherapie studiert und bin Psychotherapeut in einem Jugendheim in der Schweiz. Ich beschäftige mich mit allen möglichen Themen rund ums Jugendalter und bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig diese Arbeit ist. Keine Zeit ist so spannend und wegweisend wie die Jugendzeit!

Copyright: Karl Brühwiler

Um noch ein bisschen was über den privaten Karl zu erfahren: Verrätst du mir drei Fun Facts über dich?

  1. In meiner Freizeit zeichne und male ich gerne.
  2. Ich schaue mir gerne Fußball im Stadion an.
  3. Ich habe drei Katzen.

Lass uns über “Jana am Abgrund” sprechen. In einem Satz: Worum geht’s in dem Comic?

Dieser Titel beschreibt jugendgerecht die Geschichte eines depressiven Teenagers und soll Jugendlichen Wissen und Mut zum Thema vermitteln.

Wie bist du auf die Idee zu „Jana am Abgrund“ gekommen? Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

In den Therapiestunden mit Jugendlichen spielen für mich Medien wie Bücher, Filme, Serien und Videospiele eine wichtige Rolle, um Lebensthemen aufzugreifen und zusammen mit dem Jugendlichen zu entwickeln. Ich habe mir kreative Ideen überlegt, meinen jugendlichen Patienten das Thema Depression zu bearbeiten und bin so auf die Idee gekommen, selbst einen Comic zu diesem Thema zu machen. Da habe ich gemerkt, dass zwei Stärken von mir – das Fachwissen über Psychotherapie von Jugendlichen und die Kreativität – wunderbar zusammenkommen können und mir deshalb dieses Projekt Spaß machen würde.

“Ich habe etwa 100 Stunden Freizeit in das Projekt investiert.”

Das ist klasse! Es war aber sicher auch viel Arbeit, neben dem Beruf am Comic zu arbeiten, oder? Wie lange hast du insgesamt dafür gebraucht?

Vom ersten Funken der Idee bis zum druckfertigen Buch vergingen etwa zwölf Monate. Davon habe ich etwa drei Monate konsequent in der Freizeit daran gearbeitet. Etwa gleich viel Arbeit hatte meine Illustratorin Natalija. Insgesamt schätze ich, habe ich etwa 100 Stunden Freizeit in das Projekt investiert.

Wow, das ist eine Menge! Du hast eben deine Illustratorin Natalija Eric erwähnt. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden? Kanntest du sie schon vorher oder hast du gezielt nach Zeichner*innen gesucht?

Ich habe sie übers Internet gefunden und spontan angefragt. Sie fand das Thema sehr spannend und alles Weitere hat sich dann ergeben. Wir planen ebenfalls weitere Comics zu veröffentlichen.

Darauf bin ich sehr gespannt. Welches Ziel hast du mit “Jana am Abgrund” verfolgt, bzw. was wünschst du dir für den Comic?

Ich wünsche mir, dass der Comic in den Schulen und in den Therapiestunden meiner Kolleginnen genutzt wird, um Jugendlichen umfassender und besser helfen zu können. Ich möchte die Schwelle für Jugendliche, Psychotherapie (und Hilfe im Allgemeinen) in Anspruch zu nehmen, senken.

“Jugendliche haben Mühe mit dem Druck unserer Leistungsgesellschaft zurechtzukommen.”

Welche Herausforderungen und Unterschiede bringt die psychotherapeutische Arbeit mit Jugendlichen mit sich im Vergleich zur Erwachsenen?

Jugendliche sind oft sensibler als Erwachsene und brauchen in der Therapie mehr Führung und Initiative seitens Psychotherapeuten. Die therapeutische Beziehung ist das Wichtigste bei Jugendlichen, da muss man einiges investieren, denn genau in diesem Lebensalter sind Jugendliche sehr selektiv, wem sie zuhören und wem nicht. Schön ist, dass im Jugendalter viele Muster noch nicht so gefestigt sind und man relativ schnell sehr viel erreichen kann.

Welche Probleme im alltäglichen Leben sind denn die Auslöser für psychische Erkrankungen bei Teenagern und welche Krankheitsbilder treten häufig auf?

Viele Jugendliche haben Mühe mit dem Druck unserer Leistungsgesellschaft zurechtzukommen und haben gleichzeitig zwar oberflächlich ganz viele Kontakte aber wenig tatsächliche soziale Unterstützung, um diesen Druck zu bewältigen. Dadurch entsteht Stress. Dieser Stress führt oftmals zu Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Suchtdynamiken.

Illustration: Natalija Eric/Foto: Myna Kaltschnee

Du hast einen Abschluss in Integrativer Körperpsychotherapie (IBP). Worum genau handelt es sich dabei und welche Vorteile siehst du in dieser Therapieform in Bezug auf Jugendliche?

IBP heißt “Integrative Body Psychotherapy” und ist eine Psychotherapiemethode, die sich dem konsequenten Miteinbezug des Körpers verschrieben hat. Durch den Miteinbezug körperlicher Muster, Wahrnehmungen und Impulse werden in der Psychotherapie nicht nur Sätze gesprochen, sondern vielmehr kognitive, emotionale und körperliche Erfahrungen gemacht, welche im Gehirn auf mehreren Ebenen gespeichert werden und die psychische Gesundheit in dieser Weise ganzheitlich verbessern können.

“Funktionieren beim Fahrrad die Bremsen nicht, nützt es auch nichts, einfach abzuwarten und darüber zu schlafen.”

Junge Menschen sind oft sehr unsicher, wenn es um ihre psychische Gesundheit geht. Angenommen, ein*e Jugendliche*r kommt mit dem Stress in seinem*ihrem Alltag nicht mehr zurecht und merkt, dass es ihm*ihr immer schlechter geht. Wie soll er*sie sich am besten verhalten?

Ganz ehrlich? Simpel denken und handeln. Es gibt zwei Arten von Problemen. Die einen verschwinden, wenn man zwei, drei Nächte darüber schläft und die anderen bleiben. Bei einem anhaltenden Unwohlsein, bei Ängsten oder ständigen schwierigen Gefühlen soll man sich ganz mutig Hilfe holen. Ob man beim ersten Versuch gleich an die richtige Anlaufstelle gelangt, ist gar nicht so entscheidend. Der Schritt ins Hilfeholen ist das Wichtigste. Funktionieren beim Fahrrad die Bremsen nicht, nützt es auch nichts, einfach abzuwarten und darüber zu schlafen. Und wenn die eigenen Reparaturversuche scheitern, warum nicht mal jemanden Erwachsenen um Hilfe bitten oder direkt zum Mechaniker gehen?

Das mit dem Fahrrad ist ein einleuchtendes Beispiel. Die Angst davor, mit anderen über das eigene Seelenleben zu sprechen, ist oft ein großes Problem für Jugendliche. Wie sollen Eltern und Angehörige am besten mit dem*der jungen Betroffenen umgehen?

Halt geben und den Mut nicht verlieren. Für Betroffene ist es oft umso schwieriger, gesund zu werden, wenn sie merken, dass sie ihr Umfeld mit ihren Themen und Gefühlen belasten. Ein wohlwollendes, positives Umfeld, welches Mut und Zuversicht vermittelt, ist für jeden Jugendlichen mit psychischen Problemen elementar. Oft macht es Sinn, dass Eltern sich als Gast ebenfalls an der Psychotherapie beteiligen (oder sich anderswo Hilfe holen), um ihre Haltungen zu validieren und sich stärken zu lassen.

“Ich wünsche mir starke Familien mit präsenten Eltern und viel Quality-Time.”

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick auf die Zukunft: Was sind deine Wünsche, wie die Gesellschaft in 10 Jahren mit psychischen Krankheiten umgehen soll?

Ich wünsche mir, dass es viel mehr Therapieplätze für Jugendliche gibt, als dies heute der Fall ist. Ich wünsche mir starke Familien mit präsenten Eltern und viel Quality-Time. Ich wünsche mir ein Umdenken in der Leistungsgesellschaft und im Schulsystem mit mehr Freiräumen, mehr individueller Förderung, weniger Leistungsdruck und mehr Leichtigkeit und Fürsorge.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Es war wirklich sehr spannend für mich und ich denke, sicher auch für meine Leser*innen. Alles Gute für deine weitere Arbeit und die Zukunft.

Vielen Dank für das Interview, die tolle Buchrezension und Deinen super Blog zu diesem wichtigen Thema!


Du möchtest mehr über Karls Arbeit erfahren? Dann schau mal auf gamesucht.com vorbei, seinem Blog-Projekt über Gamesucht, Medien und Erziehung für Eltern, Jugendliche und Fachpersonen. Außerdem hat er 2018 einen Ratgeber für männliche Jugendliche veröffentlicht: “Auf dem Weg zum Mann”.

Du bist an Karls Büchern interessiert? Dann kannst du sie hier erwerben:

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