Myna Kaltschnee

“2,5 Grad” von Noah Richter | Rezension

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Diese Rezension hat meine Gastbloggerin Katharina verfasst. Weitere Rezensionen von ihr findest du hier.

Titel: 2,5 Grad – Morgen stirbt die Welt
Autor:
Noah Richter
Genre: Klimathriller
Verlag:
Ullstein Taschenbuchverl.
Umfang: 464 S.
Jahr:
2021
ISBN: 9783548063201
Format: Taschenbuch (auch als E-Book erhältlich)
Offizielle Website: Ullstein Verlagsseite

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Klappentext

Wenn die Welt zu sterben droht, was tust du, um sie zu retten?

Die Welt steht in Flammen. Wer kann sie retten? Es ist wärmer als je zuvor. In der Antarktis bricht ein Milliarden Tonnen schwerer Gletscher ab. Die deutsche Forschungsstation Neumayer III versinkt im Meer und mit ihr der Glaziologe Jakob Richter. Doch vor seinem Tod konnte er seiner Freundin Leela noch Dokumente schicken, die beweisen, wie große Konzerne die Klimakatastrophe befördern. Leela nimmt den Kampf gegen die Mächtigen auf, erleidet Niederlage um Niederlage, und weiß am Ende nur noch einen Ausweg … Jahrtausendhochwasser, wochenlang mörderische Hitze, Monsterstürme – eine junge Frau im Kampf gegen die Klimakatastrophe, gegen übermächtige Verschwörer und ums nackte Überleben.

Quelle: Richter, Noah: 2,5 Grad – Morgen stirbt die Welt. Ullstein. 2021. Klappentext.

Worum geht’s?

Der Roman spielt in Deutschland in der nahen Zukunft. Leela ist mit Zwillingen schwanger, als ihr Freund Jakob ihr brisante Dokumente schickt und kurz darauf bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Jakob war Polarforscher und Klimaaktivist. Die Dokumente enthalten Beweise, wie die großen Ölkonzerne bewusst Regierungen manipulieren, um Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel zu verhindern.

Leela verschreibt sich Jakobs Mission: Sie will die Dokumente an die Öffentlichkeit bringen und die großen Ölfirmen aufhalten in ihrer hemmungslosen Ausbeutung der Erde und ihrer Bevölkerung. Doch ihr Plan, die recht klimaaktivistische deutsche Regierung ins Boot zu holen, scheitert. Leela radikalisiert sich. Zunächst nimmt sie an Anschlägen auf Gebäude teil. Schließlich wird sie zur Attentäterin.

Meine Meinung

Ich hatte ein bisschen Bammel, das Buch zu lesen. Könnte ich danach noch ruhig schlafen? Als ich The Circle und Die Tyrannei des Schmetterlings las, war ich danach ganz schön mitgenommen, obwohl ich ja beim technologischen Fortschritt prinzipiell entscheiden kann, inwieweit ich mitmachen will. Beim Klimawandel habe ich keine Chance: Wenn er Fahrt aufnimmt, reißt er mich mit.

Ich hatte Recht. Das Buch macht keine gute Laune. Aber es fesselt. Abstürzende Gletscher, Sturmfluten, Dürreströme. Noch ist es möglich, auf der Erde zu leben. Aber die Auswirkungen sind auch in Deutschland krass. Und die Zerstörung der Natur hat vor allem zur Folge, dass auch unsere Kultur und Zivilisation in den Abgrund gerissen werden.

Folgende Aspekte sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Achtung, es werden ein paar Details angesprochen, die eine Spoiler-Warnung rechtfertigen.

Nomen est Omen

Und das fängt schon beim Pseudonym des Autors an. Noah Richter. Der Richter, der entscheidet, was gut und was schlecht ist. Noah war im Alten Testament derjenige, der die Arche baute und die Tiere und guten Menschen vor der Sintflut rettete. Was für ein Zufall, dass Herr Richter uns nun mit diesem Buch vor dem Klimawandel retten will.

Auch die Personen im Buch haben oft Namen, die bereits auf ihre Rolle hindeuten.

Die Deutsche Kanzlerin – eine Leia Organa?

Als ich das erste Mal von Diana Falk, der deutschen Kanzlerin, las, kam mir eine andere starke Frau in den Sinn: Leia Organa aus dem Star Wars Universum. Frauen in absoluten Sch*-Situationen. Im Kampf für die Schwachen, gegen korrupte Machteliten.

Politik und Gesellschaft: Fridays for Future und Hakenkreuze

Leela und Jakob lernten sich bei Fridays for Future kennen. Die Bewegung wird im Buch mehrfach genannt, hat aber wohl inzwischen an Bedeutung verloren. Dagegen sind andere, radikalere Gruppen mächtiger: Die Guardians of Life demonstrieren nicht nur während ihrer Schulzeit, sondern führen Attentate gegen Fabriken durch, um die Klimawandelverursacher*innen zu schwächen.

Auf der anderen Seite sind auch die rechtsnationalen Kräfte wiedererstarkt. Obwohl (oder weil?) Deutschland eine Regierung hat, die das Aufhalten des Klimawandels zu ihrer obersten Priorität gemacht hat, scheinen rechte Parolen weit verbreitet. Die Hauptfigur der rechten Bewegung ist Undine von Broch. Spannenderweise haben sich die Rechten die Rettung der Heimat genauso auf die Fahnen geschrieben wie die Klimawandelaktivist*innen – nur sehen die Rechten die Ursachen dafür nicht in schweren Autos und Kohlekraftwerken, sondern in einem Verlust der eigenen deutschen Identität. Entsprechend versuchen sie unter anderem, ein Massaker unter Geflüchteten anzurichten. Die Verbindung zum Nationalsozialismus wird übrigens offensichtlich, als die Schlägertruppe der Rechten von ihren eigenen Leuten als Gestapo bezeichnet wird. Die politische Lage am Ende des Buches ist ausgesprochen besorgniserregend; genauere Aussagen gingen zulasten eures Lesevergnügens.

Einen anderen Aspekt möchte ich bezüglich des gesellschaftlichen Verfalles aber noch ansprechen: Als in Hamburg die nächste Flut anschwillt, werden die Insassen einer JVA nicht evakuiert, obwohl klar ist, dass die Zellen mit Wasser volllaufen werden. Die Menschen werden ihrem Schicksal überlassen.

Scheitern wie 2021

Als die radikale Undine von Broch zu ihrem Komplott aufruft, denkt sie, dass sie anders als 2021 dieses Mal nicht scheitern werden. Oho. Ich schreibe diese Zeilen im März 2021. Im September sind Bundestagswahlen. Bezieht sie sich darauf, dass sie bei der Wahl noch keine Mehrheit erringen konnte? Das wäre ja ein gutes Zeichen. Als ich die Passage las, wurde mir kurz flau im Magen. Was kommt dieses Jahr noch auf uns zu?

Der alte Tesla und lesbische Liebe

Das Buch ist durchaus angenehm geschrieben; und es gibt immer wieder Momente zum Schmunzeln. Zwei besonders schöne Episoden waren für mich der Einstieg in einen „alten Tesla“ – so etwas gibt es schließlich heute nicht – und die vollkommene Unaufgeregtheit, mit der über lesbischen Sex gesprochen wird. Großartig.

Andererseits musste ich fast kotzen, als ich las, dass die rechten Putschist*innen von einer gewissen Autofirma C-Klassen bekommen haben. Mich wundert es, dass es dazu noch keine große Mediendiskussion gab. (Oder gab es die und sie ist an mir vorbei gegangen?)

Philosophen und noch mehr Philosophen

Als sich Diana Falk und ihr Berater Leon Roth über die anderen europäischen Regierungen austauschen, nennen sie die Staaten nicht beim Namen oder mit der Hauptstadt, sondern mit je einem Philosophen aus dem entsprechenden Land: Hobbes, Rousseau, Gasset, Annunzio. England, Frankreich, Spanien, Italien. Im ersten Moment war ich genervt. Ja, okay, ich weiß jetzt, dass Herr Richter belesen ist. Toll. Später habe ich meine Meinung geändert: Eigentlich ganz cool gemacht; so ist erstmal vollkommen unklar, wer in den entsprechenden Ländern herrscht. Ist auch eigentlich egal. Es könnten auch längst verstorbene Männer sein. Ich weiß zu wenig über die einzelnen Herren, um einzuschätzen, inwieweit der Autor mit den entsprechenden Personen auch etwas über die politischen Ausrichtungen der Länder ausdrücken wollte. Aber natürlich fällt mir auf, dass es sich nur um Männer handelt.

Lass mir mit dem Dativ in Ruhe!

Kann mir mal bitte jemand sagen, wann wir die Dativ-Endungen abgeschafft haben? Es ist mir unmöglich, mich über solche Kleinigkeiten nicht wenigstens ganz kurz aufzuregen. „Wegen dem“ kenne ich ja nun schon zur Genüge und akzeptiere es, wenn auch zähneknirschend. Und jetzt soll ich auch noch auf Dativendungen verzichten!? Beispiel gefällig: „Du darfst niemand etwas erzählen“. Tue ich auch nicht. Ich erzähle nämlichen niemandem etwas. Ja, ich weiß, Sprache verändert sich. Will ich ja auch, siehe Gendersternchen. Dennoch steigt mein Puls immer noch an, wenn ich so etwas lese.

Es gibt eigentlich gar keine Kapitelüberschriften.

Stattdessen ist der erste Satz des neuen Kapitels als Überschrift geschrieben. In der Oberstufe hätte ich jetzt hier angefangen, das als stilistisches Mittel auseinanderzunehmen. („Alles ist so eilig. Noch nicht mal Zeit für richtige Überschriften bleibt.“) Hier will ich es einfach nur als Kuriosum nennen.

Die Hitze steigt

Am rechten Rand jeder Buchdoppelseite ist ein altmodisches Thermometer zu sehen, dessen Anzeige im Verlauf des Buches immer höher steigt. Sowohl die weltweite Temperatur als auch die Spannung im Buch und die Aggression der einzelnen Charaktere steigen mit dem Verlauf der Geschichte weiter an.

Unterschiedliche Blickwinkel

Natürlich trifft die Klimakrise verschiedene Menschen unterschiedlich. So ist es auch hier. Das Buch erzählt aus der Ich-Perspektive von Leela Faber. Dazu sind einzelne Kapitel aus der Sicht von Leelas Freund Jakob, Leon Roth (der rechten Hand der Kanzlerin), dem Missinformationsspezialisten Paulus Moses, der Geflüchteten Afeni, der ultrarechten Autonomen Undine von Broch, Leelas Mutter Gita, Leelas Vater Hauke, Leelas Schwester Christa, Kanzlerin Falk und dem Auftragskiller Henry Fonda geschrieben. Dabei wird deutlich: Sie alle haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Niemand ist unangreifbar. Und niemand kommt um die Folgen des Klimawandels herum. Und natürlich hängen alle ihre Biografien eng miteinander zusammen.

Eine Sonderrolle nimmt sicherlich die Erzählung Afenis ein. Alle anderen Menschen sind westlich sozialisiert (Gita stammt zwar aus Indien, lebt aber schon lange in Deutschland). Afeni dagegen nimmt die Leser*innen mit auf ihre Reise vom Tschad bis nach Deutschland. Libyen, das Mittelmeer, Italien, Deutschland. Ihre Reise zeigt, wie sehr wir die Menschlichkeit, die wir uns so gern auf die Fahnen schreiben, sausen lassen. Alle sind sich selbst die nächsten.

Ein bisschen Magie und Religion

In einem der Nebenhandlungsstränge schließt sich Leelas Mutter einem christlichen Fundamentalisten an. Dieser geht so weit, Menschenopfer zu verlangen. Es nutzt aber nichts – „oh Wunder“. Dagegen scheint die aus dem Tschad geflüchtete Afeni tatsächlich einen guten Draht nach oben zu haben. Irgendeine Macht geht von ihr aus, die auch die anderen spüren. Diese Macht, für die sie nichts tut und die sie nicht bewusst einsetzt, steht im krassen Widerspruch zur dogmatischen Lehre (und Leere) des christlichen Fundamentalisten.

Auch Leela fragt sich übrigens, wo Gott war, als Jakob starb. Der Jakob des alten Testaments starb übrigens, anders als der Jakob im Buch, als Vater von zwölf Söhnen im hohen Mannesalter.

Der deutsche Schicksalstag

Der 9. November ist für Menschen, die in Deutschland im Geschichtsunterricht saßen, ein Schicksalstag. Die einzelnen Ereignisse lassen sich bei Wikipedia nachlesen.

Im Buch findet an diesem Datum nun zusätzlich die entscheidende Konferenz in Davos statt, auf der über radikale Maßnahmen zum Aufhalten des Klimawandels entschieden werden soll.

La Petit Mort et la Grande Mort

Ich will nicht zu viel verraten. Die Verbindung von beidem wird im Buch erschreckend real.

Internethass & Desinformation

Der Klimawandel ist nicht zu leugnen. Doch die Deutung liegt lange nicht mehr nur bei den Wissenschaftler*innen. Im Internet sind stärker denn je Desinformation und Trolling an der Tagesordnung. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht auch jetzt schon deutlich in diese Richtung schwenken. Lebe ich nur in meiner geschützten Blase? Mir wird ganz übel, wenn ich mir verdeutliche, wie zwielichtig „Informationen“ heute schon sind.

Ein Zeichen der Hoffnung

Beim Lesen kam immer mal wieder der Gedanke hoch, dass wir bereits verloren haben und es einfach aufgeben sollten. Lasst uns uns selbst ausrotten. Aber dann wiederum will ich umso heftiger aktiv werden. Ich habe schließlich auch selber Kinder. Beim Lesen dachte ich so manches Mal daran, mit welchem Recht ich eigentlich Kinder in diese Welt setze, die wir gerade so konsequent gegen die Wand fahren. Und dann erinnere ich mich an ein Zitat aus Jakob Richters letzter Mail an Leela: Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Wenn wir den Mut haben, zu handeln.

Weltretten ohne Plan geht auch nicht

Diana Falk scheitert mit verschiedenen Plänen; andere Pläne setzt sie durch. Das ist das Wesen der Demokratie: Kompromisse sind nötig. Nicht immer kann alles, was auf dem Plan steht, umgesetzt werden. Die Folgen verschiedener Ereignisse und Wege sind nicht immer vorhersehbar. Dennoch ist es sinnvoll, zu versuchen, vorauszuplanen.

Manche Akteur*innen im Buch machen genau das nicht: Sie machen sich nur wenig Gedanken über die direkten und langfristigen Folgen ihres Handelns. Und damit scheitern sie. Plakativ formuliert: Blinder Aktionismus führt nicht zur Weltrettung. Gerade in Bezug auf den vorigen Ansatz heißt das: Wir brauchen nicht nur Hoffnung, sondern eine Strategie.

Patriarchatsstrukturen

So, meine Lieben. An dieser Stelle wird es heiß. Kommentare und Diskussion sind ausdrücklich erwünscht.

2,5 Grad” * ist nämlich auch unter dem Aspekt der Kritik an patriarchalen Strukturen ausgesprochen interessant.

Black Seven sind Männer

Die Vorstandsvorsitzenden der sieben großen Ölfirmen sind alles Männer. Sie stehen für die Ausbeutung der Erde, für die Nutzung von Rohstoffen. Sie stehen auch für Macht. Sie stehen für das „Alte System“, das sich mit Händen und Füßen wehrt, bis es nicht mehr geht.

Männliches Christentum und weibliche Naturverbundenheit

Ich habe es oben bereits erwähnt: Es gibt eine christlich-fundamentale Sekte, die von einem Mann geführt wird. Auch seine Schwester spielt in der Organisationsstruktur der Sekte eine entscheidende Rolle – aber wie so häufig im Christentum ist diese Rolle eher informell und auf das Führen des (zugegebenermaßen recht großen) Haushalts beschränkt. Nach außen hin bestimmt der Mann, was getan wird. Allerdings wird deutlich, dass auch eine solche Sekte die Menschen nicht vor den Folgen des Klimawandels retten kann.

Auf der anderen Seite dagegen steht Afeni, die Geflüchtete, in einem ganz besonderen Verhältnis zur Natur. Zum einen ist sie eine der wenigen, die sich an die schönen Seiten der Natur erinnern. Darüber hinaus hat sie aber auch Zugang zu einer höheren Naturverbundenheit, die ihr eine besondere Autorität und Macht verleiht. Diese Macht spricht sie nicht aus, doch die Menschen um sie herum spüren sie.

Die männlichen Philosophen

Ist es Zufall, dass Noah Richter nur männliche Philosophen für seine Beschreibung der anderen europäischen Staaten verwendet? Geht es ihm bewusst um deren politische Einstellung? Oder sollte einfach nur verdeutlicht werden, dass das alte System der weisen alten weißen Männer nach wie vor aktuell ist?

Die weibliche Kanzlerin

An der Spitze der deutschen Regierung steht eine Frau. Das ist an und für sich nichts Besonderes für Menschen, die in meiner Generation aufgewachsen sind und die sich bewusst nur an Kohl, Schröder und Merkel an vierter Stelle im Staat erinnern. Dennoch hat man den Eindruck, dass diese Frau nun endlich versucht, das umzusetzen, was den Regierungen vorher nicht gelungen ist.

Allerdings bedient sie sich dabei der gleichen grundlegenden Prinzipien, nach denen der Staat bereits seit mehreren Generationen funktioniert und die von Männern geprägt wurden. Das wird auch schön an ihrem Bücherregal deutlich, in dem vor allem männliche Denker stehen: Sun Zi, Tacitus, Macchiavelli, Rousseau, Mommsen, Harari, Kershaw. Einzig das Sexuelle Erleben der Catherine M. ist von einer Frau geschrieben. Ich könnte auch überspitzen: Männer machen Politik. Frauen haben Sex. Und wenn sie in der Politik erfolgreich sein wollen, brauchen sie männliche Politik und weibliche Verführungskraft.

Gute Männer & Böse Frauen

Es gibt sie, die Männer, die für das Gute kämpfen. Jakob Richter, der Polarforscher, war so jemand. Auch Leon Roth setzt sich im Verlauf des Buches für seine grundlegenden Ideale ein. Das tut gut. Menschen mit einem Penis sind eben nicht grundsätzlich schlechter als Menschen ohne Penis.

Das wird auch anders herum deutlich: Im Buch gibt es auch einflussreiche Frauen, die sich vehement für ihre eigenen Ziele einsetzen – und damit, wenn wir die Welt in schwarz und weiß, in Gut und Böse aufteilen wollen, eindeutig auf der Seite der Bösen stehen.

Gerade, nachdem ich vor einigen Monaten “Aleja” gelesen habe, tut mir diese Tatsache sehr gut. Es ist schlicht zu einfach gedacht, alle Männer böse und alle Frauen gut darzustellen.

Frauen in der extremen Rechten

Die ultrarechte Bewegung wird von einer Frau, Undine von Broch, geführt. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die auf eine Familientradition von erfolgreichen männlichen Vorfahren zurückblickt. Nun will sie noch erfolgreicher werden als ihre Vorfahren. Sie will militärisch an die Macht kommen.

Sie ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass sie als Frau nicht von allen männlichen Mitstreitern für voll genommen wird. Um dennoch erfolgreich zu sein, tritt sie einerseits härter auf als selbst die Männer um sie herum. Andererseits plant sie bewusst die Demontage einzelner Mitstreiter, weil sie weiß, dass sie ihr gefährlich werden könnten.

Neben Undine werden auch noch zwei andere weibliche Führungspersönlichkeiten in der Organisation genannt. Diese werden vor allem durch ihre äußere Erscheinung als „deutsche Mädel“ charakterisiert. Es ist also klar, wohin bei den Rechten die Reise gehen soll: Die Frauen sollen wieder das Klischeebild vom treu sorgenden Weib erfüllen und für den Fortbestand des Volkes sorgen.

Frauen in der extremen Linken

Auch in der extremen Linken versammeln sich Frauen und Männer gleichermaßen. An der Spitze der Guardians of Life steht ebenfalls eine Frau: Yema. Im Gegensatz zu Undine von Broch muss sich Yema aber nicht um ihre Eigenschaft als Frau konzentrieren. Leider erfahren wir relativ wenig über ihren persönlichen Hintergrund.

Geflüchtete Männer sind eine Gefahr, geflüchtete Frauen sind bedauernswert (oder zumindest nicht so gefährlich)

Wie wir es auch in den letzten Jahren erlebt haben, werden Geflüchtete je nach ihrem Geschlecht sehr unterschiedlich wahrgenommen. Männliche Geflüchtete sind häufig eine Gefahr; Frauen dagegen werden von anderen Menschen eher bemitleidet und entsprechend unterstützt.

Übrigens zeigen auch die Flüchtlingsströme nach Europa, dass Abschottung eben keine Option ist. Wer da, wo er lebt, keine Hoffnung hat, sucht sich diese anderswo. Die Menschen nicht aufzunehmen, heißt, sie zu erschießen. Im Buch bleibt das keine theoretische Option.

Fazit Patriarchale Strukturen: Egoismus wirkt nicht mehr

Der Kapitalismus hat die Gesellschaft in eine schwierige Lage gebracht. Das Mantra „wenn alle sich um das kümmern, was ihnen persönlich gut tut, ist das auch am besten für die Gesellschaft“ gilt schon lange nicht mehr. Der Kapitalismus entstand in einer Zeit, die tief vom Patriarchat geprägt wurde. Die Gesetzgebung genauso wie die sozialen Rollenbilder sagten eindeutig: Als Frau darfst du etwas nur dann tun, wenn ein Mann es dir erlaubt.

Es wird im Buch deutlich, dass dieses System nicht mehr funktioniert.

Noah Richter zeigt kein schwarz-weißes Bild, in dem alles Männliche schlecht und alles Weibliche gut wäre. Die Strukturen, die innerhalb patriarchaler Gesellschaften aufgebaut wurden, funktionieren nicht mehr. Doch auch Frauen bewegen sich innerhalb dieser Strukturen und machen ähnliche Fehler und treffen ähnliche Entscheidungen.

Es braucht neue Ansätze: Radikale wirtschaftliche Änderungen, gesellschaftlicher Zusammenhalt, der über den*die nächste*n Nachbarn*in hinausgeht. Verantwortung gilt länger als bloß für die nächste Wahlperiode. Der patriarchale Kapitalismus zeigt seine Defizite, doch er wird im Buch nicht abgeschafft. Vielmehr scheint es, als bleibe er bestehen und hätte nur die Farbe seines Mantels geändert. Statt ölschwarz ist er am Ende naturgrün.

Ob das reicht, bleibt offen.

Über den Autor

“Noah Richter ist das Pseudonym eines erfolgreichen Autors von Drehbüchern, Theaterstücken und Spannungsliteratur. Als engagierter Klimaschützer liegt ihm das Thema Klimawandel sehr am Herzen. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis er seine Leidenschaft für den Klimaschutz mit seiner Liebe für spannende Geschichten verbinden würde. Das Ergebnis ist 2,5 Grad – Morgen stirbt die Welt *, ein aufrüttelnder Roman, der zeigt, was auf uns zukommen könnte, wenn man die Klimakatastrophe nicht aufhält. Noah Richter lebt mit seiner Familie in Berlin.”

Quelle: Ullstein Verlag

Mein Fazit

Am Ende gibt es viele Tote – namenlose, namentlich Bekannte und auch ein paar Hauptfiguren. Es gibt aber auch Überlebende. Viele Überlebende. Und das ist der Punkt: Ja, es ist wohl positiv für uns als Menschen, wenn wir uns nicht selbst ausrotten durch unser Handeln. Aber irgendwie überleben eben auch viele der „Falschen“. Versteht mich nicht falsch. Jede Person hat das Recht, zu leben, und kein Leben ist mehr wert als das andere. Dennoch habe ich mir als Leserin gewünscht, dass diejenigen überleben, die gegen den Klimawandel handeln, statt nur zu sprechen.

Ein genialer Schachzug am Ende sorgt übrigens dafür, dass die Grenzen zwischen den „Bösen“ und den „Guten“ stark verschwimmen. Und so bleiben schlussendlich die Reichen und Mächtigen die Reichen und Mächtigen. Sie ziehen im Hintergrund die Fäden – vielleicht sogar von Anfang an? – und sie retten sich selbst und damit die Welt. Sie waschen sich rein und machen weiter Kohle. Hust, was für ein Wortspiel.

Wow. 5/5 Sterne für “2,5 Grad – Morgen stirbt die Welt” und eine Empfehlung als Schulliteratur in der Mittel- und Oberstufe. ;-)

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Meine Bewertung


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