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“Novemberkind” von Esther Gille | Rezension

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Triggerwarnung: Depression, Stalking, Suizidalität, Suizidversuche, Tod, Kindesmissbrauch, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Epilepsie, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, toxische Beziehungen, Alkoholismus, Drogensucht, häusliche Gewalt, Selbstverletzendes Verhalten

Titel: Novemberkind
Autorin: Esther Gille
Genre: Autobiografie, Mental Health
Verlag: Europa Verlagsgruppe
Umfang: 178 S.
Jahr: 2020
ISBN: 979-12-201-0089-2
Format: Taschenbuch (auch als E-Book erhältlich)

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Klappentext

„…Was liegt zwischen Leben und Tod? Die Depression. Das zu früh verstorbene innere Dasein. Das gequälte, verlorene, hilfsbedürftig leidende und alleine gelassene innere Kind. Das Kind, welches mich dereinst ins Leben zurückholen würde. Ein Wesen, von dem ich noch nichts ahnte. Was blieb, war ein funktionierendes Existieren. Eine Art Selbstläufer. Nicht mehr fühlen, stumm und taub, keine Selbstliebe mehr. Selbst der Selbsthass war mir abhandengekommen. Die Eigenverantwortung hatte ihre Verantwortung aufgegeben. Warum soll sie sein, wenn doch nichts mehr ist? Wenn alles zerfällt. Sich auflöst, als wäre es nie gewesen.“


Eine dramatische Retrospektive: Die Willenskraft einer Frau die sich, trotz Schwierigkeiten und trauriger Vergangenheit, professionell verwirklicht. Sie schafft eine psychoanalytische Analyse ihres Lebens und zeigt uns, dass maladaptive Lebensschemata überwunden werden können und dysfunktionale Bewältigungsstile revidierbar sind.
Alle Mitglieder einer Familie sind durch emotionale Bande miteinander verknüpft. Sind diese Verbindungen gestört, kann dies zu psychischen Problemen oder Krankheiten bei einem oder mehreren Mitgliedern der Familie führen.


„…Hab das Fraglose infrage gestellt. Suchte die Wirklichkeit hinter der Wahrheit. Aber gab es denn überhaupt eine? Ja, das schon. Es gab Mutters Wahrheit und die meine – wo war der Konsens? …Ich hatte mir den höchsten akademischen Titel in Deutschland erarbeitet… Dort stand geschrieben: Nachdem die Inauguraldissertation vorgelegen hat und mit der Note „Sehr gut“ bewertet wurde und alle übrigen Dissertationsleistungen erfüllt wurden, erteilt die Medizinische Fakultät der Universität Düsseldorf Ihnen den Grad eines Doktors der Medizin. Wie aber ging es mir? Ein ganz kurzes Empfinden von Freude war da. Sonst nichts. Ich saß auf einem Stuhl. Ferner von mir denn je. Nur einen Gedanken im Kopf:  Alles, was zu leisten war, hast du nun hinter dir. Jetzt kannst du Abschied nehmen. Ich verspürte die große Sehnsucht in mir, einfach für immer sitzen zu bleiben.“


Ein mutiger, autobiografischer Roman.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. Klappentext.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin Dr. med. Esther Gille für das Rezensionsexemplar und die freundliche Kommunikation.

Worum geht’s?

Wie viel Leid kann ein einzelner Mensch ertragen?

Diese Frage habe ich mir beim Lesen von “Novemberkind” häufig gestellt. Ich habe ja bereits vor ein paar Monaten von Roland Wagenhäusers Leben berichtet, der viele Schicksalsschläge mitgemacht hat. Aber das Leben von Esther Gille ist noch eine Spur härter verlaufen.

Bereits ihr Start ins Leben war traumatisch. Von ihrer leiblichen Mutter als Säugling ausgesetzt und beinahe getötet, wurde sie zur Adoption freigegeben. In der Familie, in der sie aufwuchs, war sie stets das schwarze Schaf, erfuhr Ablehnung, Gewalt, Missbrauch.

“Ich war ein Niemandskind.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. S. 12

Später flüchtete sie sich in toxische Beziehungen, erkrankte an starken Depressionen und versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen.

Trotz all des Leids promovierte sie in der Humanmedizin mit exzellenten Noten. Leistung zu erbringen war ihr wichtig – doch das erhoffte Glück fand sie damit nicht. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie endlich die Hilfe bekam, die sie so dringend benötigte.

“Aber ich kam einfach nicht zur Ruhe. Befand mich im ständigen anstrengenden Modus des Suchens. Ich konnte nicht finden. Mir war gar nicht klar, was ich denn so sehnsüchtig wollte und was mir fehlte.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. S. 109

In ihrer Autobiografie schildert sie ihr Leben auf kurzweilige und spannende Art. Dennoch ist das Buch keine leichte Kost und mitunter sehr bedrückend. Obwohl es am Ende Mut macht, berichtet Esther Gille ungeschönt und ehrlich u. a. über schwere Depressionen, Suizidversuche, Stalking, Kindesmissbrauch und häusliche Gewalt. Menschen, die von solchen Themen getriggert werden könnten, sollten das Buch besser nicht lesen.

Meine Meinung

In Geschichten mag ich starke Frauenfiguren. Charaktere, die durch harte Zeiten gegangen sind, aber nicht aufgaben. “Novemberkind ” * schildert das außergewöhnliche Leben einer realen starken Frau.

Bereits die erste Seite zog mich sofort ins Geschehen. Esther Gille versteht es, Spannung aufzubauen und durchgehend zu halten. Es kam bei mir nie Langeweile auf. Meine Neugier war unendlich. Ich habe das Lesen so sehr genossen.

Dass sie eine extrem intelligente Frau ist, wird sofort durch ihre gehobene Sprache und wunderschöne Art, sich auszudrücken klar. Ich musste mich erst ein bisschen an ihren Schreibstil gewöhnen, da die Bücher, die ich sonst lese, eher in einer einfachen, alltäglichen Sprache verfasst sind. Esther Gille erzählt anders, aber auf eine Weise, die mich tief beeindruckt hat.

“Die Schläge für meinen vermeintlichen Ungehorsam kamen oft unerwartet. Mitten in mein Gesicht, auf Rücken und Seele.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. S. 17

Ein Augenöffner

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht. Gelegentlich habe ich das Lesen unterbrochen, weil ich erst einmal durchatmen musste. Manche ihrer Erlebnisse haben mir die Augen geöffnet.

Wer meinen Blog schon länger liest, weiß, dass ich selbst unter psychischen Problemen leide. Zuweilen habe ich in Esther Gilles Schilderungen meine eigenen Verhaltensmuster entdeckt, auch wenn die Autorin ein weitaus schwierigeres Leben hatte als ich.

Einer dieser Abschnitte, von denen ich besonders viel lernen konnte, war der über ihre Beziehung mit einem Narzissten. Ich habe auf diesem Gebiet eigene Erfahrungen gesammelt und weiß, wie schwierig es ist, sich von einer solchen Person zu lösen.

“Es waren viele dieser kleinen Freuden, die mich einnahmen für ihn. Ich wollte das behalten. Ich wollte mehr. Ich wollte alles. Er aber war ein fernes, fremdes Land, das ich nie betreten habe.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. S. 152

Esther Gille ist ein Vorbild für mich geworden, weil sie trotz widriger Umstände stark geblieben ist. Natürlich hatte sie auch schwache Momente. Aber das ist menschlich und macht sie nur noch mehr zu einem Vorbild. Allein ihr Buch “Novemberkind” * ist ein Beweis dafür, dass sie eine echte Kämpferin ist.

Winzige Kritik

Ein paar winzige Kritikpunkte habe dich dennoch:

  1. Es fehlt eine Triggerwarnung. Natürlich erkennt man am Klappentext, dass das Buch schwer zu verdauen ist. Trotzdem finde ich Triggerwarnungen wichtig. Man kann vermutlich nicht alle triggernden Themen aufzählen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber zumindest die Wichtigsten.
  2. Das Buch ist nicht in Kapitel eingeteilt. Große Zeitsprünge haben mich manchmal verwirrt. Auch fand ich es schade, dass kaum Jahresangaben vorhanden waren, denn so konnte ich manche Ereignisse zeitlich nicht richtig einordnen.
  3. Es sind ein paar Tipp- und Grammatikfehler beim Korrekturlesen durchgerutscht. Das empfand ich aber als nicht so schlimm. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie leicht man solche Fehlerchen übersieht.

Ermutigendes Ende

Das Ende des Buches hat mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Niemals aufzugeben. Esther Gille hat es mir vorgelebt, ich möchte ihr folgen. Mein Glück finden. Denn ich weiß jetzt, dass es möglich ist.

“Ich bin auferstanden wie ein Phoenix aus seiner Asche. Nur ohne den mystischen Anteil. Auch Schmerz hat eine Halbwertzeit.”

Quelle: Gille, Esther: Novemberkind. Europa Verlagsgruppe. 2020. S. 177

Über die Autorin

Copyright: Esther Gille

Esther Gille wurde am 26. November 1948 in Basel geboren.
Es erfolgte die Freigabe zur Adoption. In Düsseldorf studierte sie Medizin an der Heinrich-Heine-Universität und promovierte. Assistenzarztausbildung und mehrjährige Tätigkeit als Oberärztin in der Gastroenterologie. Nach mehrfachen klinisch-psychiatrischen Aufenthalten wurde sie infolge therapieresistenter Depressionen berufsunfähig auf Dauer. 2019 schrieb sie als Therapieergänzung ihr Buch “Novemberkind”.

Quelle: Esther Gille/Europa Verlagsgruppe

Mein Fazit

Das Buch schockiert und beeindruckt gleichermaßen. Esther Gille ist ein Vorbild für alle, die mit einem schweren Schicksal und psychischen Krankheiten wie Depressionen zu kämpfen haben. Ich empfehle das Buch gerne weiter.

Meine Bewertung


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