„Unter gläsernen Fassaden“ von Sabrina Schuh | Rezension

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Titel: Unter gläsernen Fassaden (Märchenspinnerei, Book 20)
Autorin: Sabrina Schuh
Illustratorin: Andrea Hagenauer
Genre: Märchenadaption, Young Adult
Verlag: Selfpublishing
Umfang: 352 S.
Jahr: 2020
ISBN: 9783966982665
Formate: Taschenbuch/E-Book
Offizielle Website: Märchenspinnerei

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Klappentext

Ein verlorenes Buch
Ein rätselhafter Code
Ein Strudel der Gewalt

Moritz‘ Leben ist ein Albtraum. Häusliche Gewalt und Unterdrückung bestimmen seinen Alltag. Sein einziger Zufluchtsort: die Welt der Zahlen und Formeln. In dieser lebt auch die hochbegabte Josie, die dennoch ganz andere Probleme plagen. Die Essstörung ihrer besten Freundin und ein geheimnisvolles Tagebuch stellen ihr Leben auf den Kopf. Kann die Magie der Zahlen die beiden Jugendlichen retten oder verlieren sie alles? Vielleicht sogar ihr Leben?

In Unter gläsernen Fassaden spinnt Autorin Sabrina Schuh aus den Elementen des Grimmschen Aschenputtels und Dickens‘ Weihnachtsgeschichte ein düsteres Märchen über toxische Familien, Hilflosigkeit und das schwere Leben eines misshandelten Jungen.

Quelle: Märchenspinnerei
Unter gläsernen Fassaden von Sabrina Schuh

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin Sabrina Schuh und der Märchenspinnerei für das Rezensionsexemplar.

Worum geht’s?

In „Unter gläsernen Fassaden“ werden das Grimmsche Märchen von Aschenputtel und Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte mit einer spannenden Young-Adult-Erzählung verwoben und neu interpretiert.

Der siebzehnjährige Moritz kann einem wirklich leidtun. Seine Mutter führt als Rechtsanwältin eine Kanzlei und lässt ihre ständige schlechte Laune an ihren Mitarbeiter*innen, vor allem aber ihrem Sohn aus. Nicht selten schlägt sie ihn für vermeintliche Fehler grün und blau. Sie wünscht sich, dass er ebenfalls Jura studiert, doch Moritz‘ Interesse gilt der Mathematik. Der hochbegabte Junge hat sogar einen Geheimcode für sein Tagebuch entwickelt, damit auch wirklich niemand außer ihm seine intimsten Gedanken lesen kann. Blöd nur, dass er besagtes Buch eines Tages verliert.

Gefunden wird es von der nicht minder hochbegabten Josie, die allerdings das große Glück hat, ein Internat für Hochbegabte besuchen zu dürfen. Das Notizbuch mit den Zahlenkombinationen darin weckt ihre Neugier. Wer hat das Buch verschlüsselt? Und warum? Und wie kann sie den Besitzer ausfindig machen, um ihm sein Buch zurückzugeben?

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin schmiedet sie einen Plan. Wird er aufgehen?

Meine Meinung

Ich bin ein großer Fan von Sabrina Schuhs Büchern „Unter schwarzen Federn“ und „Unter pinken Sternen“. Dementsprechend gespannt war ich auf „Unter gläsernen Fassaden“. Würde es mit den beiden anderen Büchern mithalten können?

Die Handlung

Die Geschichte beginnt damit, dass Josie Moritz‘ Notizbuch findet. Man ist sofort mittendrin im Geschehen. Ein großer Pluspunkt!

Trotzdem fiel es mir anfangs schwer, mich auf die Geschichte einzulassen. So richtig gepackt hat mich das Buch erst später.

Die Handlung war für mich schlüssig und größtenteils logisch nachvollziehbar. Es war ein roter Faden zu erkennen und es gefiel mir, wie sich die unterschiedlichen Handlungsstränge ineinandergefügt haben.

Die Märchenelemente sind geschickt mit der Young-Adult-Geschichte verwoben. Ein Kind, dass die ganze Hausarbeit erledigen muss, von seinen Stiefgeschwistern gemobbt wird und als Strafe häusliche Gewalt erfährt, lässt deutlich das „Ursprungsmärchen“ der Brüder Grimm erkennen.

Auch die „Geistererscheinungen“ aus Dickens‘ Weihnachtsgeschichte spielen eine wichtige Rolle. Ob sie in diesem Fall dieselbe Wirkung wie auf Scrooge haben, lasse ich an dieser Stelle offen.

Zukunft wie Gegenwart?

Die Tatsache, dass „Unter gläsernen Fassaden“ in der Zukunft von Sabrina Schuhs weiteren Märchenadaptionen „Unter schwarzen Federn“ und „Unter pinken Sternen“ spielt, fand ich genauso genial wie verwirrend.

Einerseits ist es spannend, dass manche Figuren aus den vorherigen Büchern in dieser Geschichte wieder auftauchen und man erfährt, was aus ihnen geworden ist.

Andererseits war ich zunächst etwas durcheinander, als ich das herausfand. Denn obwohl die Geschichte in der Zukunft spielt, gibt es offensichtlich keinen technischen Fortschritt oder irgendetwas, woran man das festmachen könnte (abgesehen vom Alter der Figuren).

Mein Anhaltspunkt ist vor allem, dass Moritz‘ Mutter Theresa im Jahr 1999 geboren ist. In „Unter gläsernen Fassaden“ ist sie aber mindestens 37 Jahre alt, wenn wir davon ausgehen, dass sie Moritz nicht als Teenager bekommen hat. Demnach müssten wir uns also bereits im Jahr 2036 oder später befinden.

Unlogisch oder genial? Dieses Urteil überlasse ich dir.

Im Übrigen kann man „Unter gläsernen Fassaden“ ohne Verständnisprobleme lesen, auch wenn man die anderen beiden Bücher nicht gelesen hat. (Dennoch möchte ich dir die anderen beiden Bände ebenfalls ans Herz legen. Sie sind klasse!)

* * *

Wichtige Thematiken

Genau wie in ihren vorherigen Märchenadaptionen spricht Sabrina Schuh auch in „Unter gläsernen Fassaden“ bedeutungsvolle Themen an: Unterdrückung von und häusliche Gewalt gegen Kinder bzw. Jugendliche.

Der Autorin ist es gelungen, mich zum Nachdenken anzuregen. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist schon schrecklich, aber als Kind ist man dem noch mehr ausgeliefert. Hinzu kommen die Traumata, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Man denke nur an die Folgen, unter denen dieses Kind als Erwachsene*r leiden wird. Die Gefahr, dass es in toxische Beziehungen gerät, ist in solch einem Fall besonders groß. Ich musste dabei an Esther Gilles „Novemberkind“ denken, das ich vor ein paar Monaten rezensiert habe.

Auch die Thematik der Hochbegabung fand ich spannend. Es gibt noch immer viel zu wenige gute Bücher über hochbegabte Figuren.

Die Figuren

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: Josies, Moritz‘ und Theresas (Moritz‘ Mutter). So erhält man einen guten Einblick in das Leben und die Probleme der einzelnen Hauptfiguren.

Josie

Josie ist die gute Seele in der Geschichte. Gleich zu Beginn lernt man sie und ihre Familie kennen. Ihr kleiner Bruder Lion, der wegen Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt an Beeinträchtigungen leidet, wird eingeschult. Josie ist sehr stolz auf ihn. Sie und Lion haben ein sehr inniges, liebevolles Verhältnis.

„Mein Daumen streichelte bei diesen Gedanken ganz instinktiv Lions Handrücken. Ja, Lion. Unser kleiner Löwe, der so sehr gekämpft und auch dann nicht aufgegeben hatte, wenn Mama und Papa nur noch weinten. Es war ein kleines Wunder, dass er hier stand.“

Quelle: Schuh, Sabrina: Unter gläsernen Fassaden. 2020. Josies Sicht. 2 %

Josie gehört nicht zu den Leuten, die einen großen Freundeskreis haben. Dennoch kümmert sie sich sehr um die Menschen, die ihr wichtig sind. So fällt ihr auch schnell auf, dass ihre beste Freundin Andrea immer dünner wird und macht sich große Sorgen. Sie sucht einen Weg, Andrea zu helfen, nachdem diese auf ihre Fragen bezüglich ihres Essverhaltens nur ausweichend antwortet.

Neben ihrer offenbar hohen emotionalen Intelligenz, ist Josie auch eine waschechte Hackerin. Sie liebt es, sich in fremde Computersysteme einzuschleusen. Natürlich verfolgt sie dabei nie böse Absichten.

Aufgrund ihres hohen IQs darf sie auf ein Internat für Hochbegabte gehen, wo ihre Gaben und Fähigkeiten gefordert und gefördert werden. Dort hat sie Andrea, die ein Sprachgenie ist und sämtliche Fremdsprachen fließend spricht, kennengelernt.

Der größte Teil, der aus Josies Sicht erzählt wird, spielt im Internat. Als sie Andrea das gefundene Notizbuch mit den merkwürdigen Zahlenkombinationen zeigt, versucht diese Josie zu überreden, den Code zu knacken. Josie ist hin- und hergerissen. Einerseits ist sie wahnsinnig neugierig, was den Besitzer des Buches dazu gebracht hat, seine Worte derart kompliziert zu verschlüsseln, andererseits möchte sie aber auch dessen Privatsphäre respektieren und sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen.

„Schon wenige Minuten nachdem ich angefangen hatte, die Decodierungssoftware zu schreiben, hatte mich das schlechte Gewissen wieder übermannt. Natürlich wollte ich wissen, ob ich den Code geknackt hatte, dennoch ging mich der Inhalt nichts an.“

Quelle: Schuh, Sabrina: Unter gläsernen Fassaden. 2020. Josies Perspektive. 33 %

Das zeigt wieder, wie sozial Josie eingestellt ist. Es geht ihr immer um das Wohl der anderen. Sie möchte helfen, unterstützen, Probleme lösen, anstatt sie unter den Tisch zu kehren. Das erkennt man auch daran, dass sie das Notizbuch persönlich zurückbringen möchte und es nicht einfach nur im Sekretariat abgegeben hat. Ihr ist es wichtig, dass der Besitzer sein Buch auch wirklich bekommt. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen. Hat der unbekannte Besitzer etwa ein düsteres Geheimnis? Sind er oder andere Menschen in Gefahr?

Sabrina Schuh hat Josies innere Zerrissenheit hervorragend dargestellt. Josie möchte alles richtig machen, weiß aber nicht genau, was das Richtige ist. Am Ende handelt sie sehr vernünftig und zeigt große innere Reife. Ich finde, Josie ist ein ganz besonders starker Charakter.

Unter gläsernen Fassaden Märchenspinnerei Sabrina Schuh

Moritz

Moritz ist das Opfer und spielt wohl den härtesten Part in der Geschichte. Nicht nur, dass seine Mutter ihm Gewalt antut, nein, er wird auch von seinem Vater, einem Staatsanwalt, und dessen neuer Familie nicht respektiert oder auch nur annähernd wohlwollend behandelt. Die einzige Figur, die sich ein wenig um ihn kümmert, ist die Haushälterin seines Vaters. Aber wirklich helfen kann die ihm auch nicht.

„Quälend langsam kam ich in einer gewaltigen Wand aus Schmerzen zu mir. Tränen stiegen mir in die Augen und doch versuchte ich verzweifelt, sie zurückzudrängen, denn ich wollte mir vor meinen Klassenkameraden nicht die Blöße geben.“

Quelle: Schuh, Sabrina: Unter gläsernen Fassaden. 2020. Moritz‘ Perspektive. 31 %

Neben der häuslichen Gewalt hat Moritz ein weiteres großes Problem: Er möchte seinen Traum leben und an einer renommierten Universität Mathematik studieren. Das Zeug dazu hätte er, daran besteht kein Zweifel. Doch seine Eltern wollen beide, dass er Jura studiert und in ihre Fußstapfen tritt. (In diesem Punkt sind sie sich einig, auch wenn sie sich sonst überhaupt nicht ausstehen können.)

Moritz bleibt also nichts anderes übrig, als heimlich zu rechnen und an seinen Formeln zu arbeiten, die er für die Aufnahme an einer Elite-Uni braucht. Es tut ihm gut, in der Welt der Zahlen zu versinken und häufig vergisst er darüber all seine Sorgen und Probleme.

Mathematik ist seine Rettung. Es ist das, was ihn am Leben hält, was ihn aufbaut, wenn es ihm schlecht geht, was ihm neuen Mut verleiht. Ich kann diese Gefühle sehr gut nachvollziehen, da ich früher in die Welt der Buchstaben flüchtete, wenn mein Leben unerträglich wurde.

Aufgrund seiner familiären Situation fällt es Moritz extrem schwer, anderen zu vertrauen. Andere Menschen in sein dunkles Geheimnis einzuweihen, kommt für ihn nicht infrage. Kann man das einem Jungen verübeln, der ständig nur die hässlichste Fratze der Menschheit zu sehen bekommt?

Theresa

Besonders interessant fand ich die Kapitel aus Theresas Sicht, da ich begreifen wollte, wie ein Mensch nur so grausam zu seinem eigenen Kind sein kann.

Durch Theresas „Flashbacks“ der besonderen Art habe ich viel über sie erfahren. An einigen Stellen habe ich mir aber gedacht: Kann eine reale Frau wirklich so wenig Herz haben? Ich hätte mir manchmal mehr Einsicht und Gefühle bei Theresa gewünscht. Nicht unbedingt Mitgefühl, aber vielleicht so etwas wie insgeheime Reue oder starke Angst?

Ihre Emotionen sind sehr abgeflacht (mal abgesehen von der Wut), doch vermutlich musste das auch so sein. Zumindest gibt es am Ende eine sinnvolle Erklärung dafür.

Dieser Abschnitt aus ihrer Sicht hat mir besonders gut gefallen, da dort kurz der „Mensch“ hinter ihrer sorgsam aufgebauten Fassade hervorschaut:

„Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag und die Luft im Raum reichte auf einmal nicht mehr zum Atmen. Brust und Hals schnürten sich mir zu. Ich stand auf. Schwankte kurz. Musste mich festhalten. Fing mich. Unfähig, auch nur ein Wort herauszupressen, ging ich zur Haustür.“

Quelle: Schuh, Sabrina: Unter gläsernen Fassaden. 2020. Theresas Sicht. 81 %

Der Schreibstil

Ich mag Sabrina Schuhs Schreibstil: bildhaft, kurzweilig, gefühlvoll. Sie schafft es, lebendige Bilder in meinem Kopf zu erwecken, ohne sich zu sehr in unwichtigen Details zu verlieren.

Leider weist das Buch vor allem zum Ende hin etliche Grammatik-, Tipp- und Perspektivfehler auf. Das ist sehr schade, da das Buch ansonsten wirklich top geschrieben ist. Ich bin allerdings keine Rezensentin, die da groß drauf herumreitet, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell man solche Fehler übersieht. (Und ehrlich gesagt habe ich schon lange kein Buch mehr gelesen, das komplett ohne Fehler war – sowohl aus dem Selfpublishing als auch Verlagen. Mir springt so was nur immer ins Auge. Vielleicht sollte ich Korrektorin werden. :D).

Das Ende

Ich muss zugeben, anfangs habe ich mir ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende gewünscht und war enttäuscht, als ich das nicht bekommen habe. Jetzt, mit etwas zeitlichem Abstand, muss ich erkennen, dass das Ende genau richtig war. Es war realitätsnah und passte zur Geschichte. Bei dem von mir gewünschten Ende hätte die Geschichte an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Das ist der Grund, warum ich Bücher nicht sofort nach dem Beenden rezensiere. Wenn man ein bisschen Zeit vergehen lässt und das Buch nach ein paar Tagen nochmals reflektiert, hat man oft einen ganz anderen Blick darauf, da sich die eigenen Emotionen etwas gelegt haben und man wieder klar denken kann.

Über die Autorin

Sabrina Schuh wurde 1987 geboren. Sie ist nicht nur Fachfrau für Bücher-Marketing und Lektorin, sondern schreibt auch selbst. Unter verschiedenen Namen hat sie bereits in Anthologien veröffentlicht und wagte 2018 mit „Unter schwarzen Federn“ den Schritt zur Romanautorin. Sie lebt mit Mann, Kind und Hund im schönen Franken.

Empfohlene Bücher von Sabrina Schuh

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Fazit

Eine Lektüre, die wachrüttelt und zum Nachdenken anregt. Sie ist sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene interessant und unterhaltsam. Da es etwas gedauert hat, bis mich das Buch richtig „packen“ konnte, gibt es gute vier Herzchen und eine warme Empfehlung.

Meine Bewertung


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