Spannende Anthologie: “Die Aurum-Chroniken”

Werbung | Magst du Kurzgeschichten? Und träumst du dich gerne in Steampunk-Welten oder in die Zukunft? Dann könnten “Die Aurum-Chroniken” etwas für dich sein. Ich habe das Buch sehr genossen und freue mich, es dir heute vorstellen zu dürfen.

Ganz besonderer Dank geht an die Herausgeberin Julia Dest, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Blogger lächelt und hält das Buch "Die Aurum-Chroniken" hoch

Auf einen Blick

Titel: Die Aurum-Chroniken: Eine Anthologie
Herausgeber: Mirco Adam, Herbert Arp, Julia Dest
Genre: Kurzgeschichten, Steampunk, Humor, Science Fiction
Verlag: Paperwork
Umfang: 333 S.
Erschienen: 19. Dezember 2020
ISBN: ‎ 979-8584457280
Formate: Taschenbuch/E-Book
Offizielle Website: Website von Julia Dest

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Klappentext

Lassen Sie sich entführen und begleiten Sie Finn Diran auf einer außergewöhnlichen Suche durch die Zeit.

Als Gastgeber in der Abgeschiedenheit des noblen Hotels Verdens Ende trifft er auf den Psychiater und Serologen Professor Landsteiner. Doch aus welchem Grund hat er ihn eingeladen und was ist dieses SANGUIS AUREUS, das Finn Diran so entschlossen zu finden versucht? Wird sein Forschen erfolgreich sein und Licht ins Dunkel bringen, oder bringt er die Finsternis? Ist er Opfer oder Täter?

Sechs Autoren laden sie ein, die Aurum-Chroniken zu lesen, und dies sind ihre Geschichten.

Worum geht’s?

Bei den “Aurum-Chroniken” handelt es sich um eine Anthologie aus sieben Kurzgeschichten unterschiedlicher Genres. Einige Geschichten sind im Steampunk angesiedelt, andere in der Science Fiction oder im humorvollen Bereich. Den Abschluss macht eine Adaption von Charles Dickens’ “Weihnachtsgeschichte”.

Die einzelnen Storys sind mit einer Rahmenhandlung verbunden, die im Klappentext angeteasert wird. Es geht um den Wissenschaftler Prof. Landsteiner, der in ein Hotel in Norwegen eingeladen wird. Dort trifft er auf den androgynen Finn Diran, der unter einem außergewöhnlichen Syndrom leidet und sich von Landsteiner Hilfe erhofft. Doch zunächst kommen die beiden ungleichen Männer ins Gespräch und erzählen sich Geschichten.

Das Buch liefert viel “Nachdenkmaterial” und das hat mir ganz besonders daran gefallen. Es ist eine vielseitige Sammlung von Geschichten, einzigartig und bunt, wie die Menschheit selbst.

Geschrieben wurden sie von Mirco Adam, Michael Borth, Julia Dest, Gustavo Fawkes, Bernhard Rusch und Marc Zoellner.

Meine Meinung

Kennst du das? Du siehst vor dir eine leckere Speise und fängst an zu essen und erst während des Essens stellst du fest, was für einen riesigen Hunger du hast?

So ging es mir beim Lesen der “Aurum-Chroniken”.

Wie lange habe ich schon keine Kurzgeschichten mehr gelesen? Es muss ewig her sein.

Aber es war schön und je mehr ich davon “genascht” habe, desto mehr “Appetit” bekam ich auf die Geschichten.

Im Folgenden möchte ich kurz auf die einzelnen Geschichten eingehen und zum Abschluss ein Gesamturteil fällen.

“Elise” von Marc Zoellner

Diese Kurzgeschichte hat mich ziemlich gepackt. Sie handelt von einem Schriftsteller, dessen Muse Elise kürzlich zu Tode kam. Als er ziellos durch die Stadt streift und sich betrinkt, landet er in einem Laden, der wirklich alles Mögliche verkauft. Der Besitzer verkauft ihm eine Ware, die perfekt zu ihm zu passen scheint – allerdings bereut er es bald!

Der Schreibstil von Marc Zoellner hat mir gut gefallen und ich wurde direkt ins Geschehen hineingezogen. Allerdings muss man sich etwas konzentrieren, um die vielen Hinweise zu entdecken und richtig zu deuten. Es kann auch sehr aufschlussreich sein, die Geschichte ein zweites Mal zu lesen, weil man dann leichter die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen kann.

Ich muss zugeben, ich war ein bisschen verwirrt, als in der Geschichte plötzlich ein Auto und eine Türklingel vorkamen, da ich dachte, sie spiele im 19. Jahrhundert. Erst später verstand ich, dass es sich dabei wohl um Zeitreisen der besonderen Art handelt.

Ganz ausgezeichnet gefiel mir der Schluss, der auf die lesende Person selbst Bezug nimmt. Eine spannende, wenn auch etwas unheimliche Idee.

“Gott spielen” von Gustavo Fawkes

Diese Geschichte handelt von einem Arbeitslosen, der morgens an der Tanke sein Bier trinkt, als er völlig unerwartet die Chance seines Lebens bekommt. Eine aufreizende Frau spricht ihn an und will ihn zum Chef eines neugegründeten Unternehmens machen, das ihm viel Ruhm, Macht und Wohlstand verspricht. Der Haken: Er allein trüge die Haftung für das, was das Unternehmen tut. Der Arbeitslose stimmt zu – und das Abenteuer beginnt.

Ich fand die Geschichte äußerst interessant und unterhaltsam. Unter anderem wird das Problem der Überbevölkerung und seine Folgen angesprochen. Das war für mich sehr spannend, da auch eines meiner absoluten Lieblingsbücher (“Noah” von Sebastian Fitzek*) eine Lösung für dieses Problem sucht. Allerdings mit einem vollkommen anderen Ansatz.

Obwohl die Geschichte eine gute Portion Humor beinhaltet, enthält sie auch viele Denkanstöße und ich habe mich immer wieder gefragt, ob so etwas wirklich funktionieren würde. Die Idee fand ich geradezu genial.

“Das Nasenproblem” von Julia Dest

Ein junges Paar wünscht sich von einem Puppenmacher eine ganz besondere Puppe, eine Art Roboter. Als diese zu Weihnachten geliefert wird, stellt sich aber heraus, dass die Puppe ihren ganz eigenen Willen hat. Kaum möchte das junge Paar sie ausprobieren, fängt die Puppe an zu schimpfen und das Paar zu beleidigen. Für die beiden ist klar: Die Puppe ist kaputt. Glücklicherweise schaffen sie es, die Puppe auszuschalten und sie beschließen, sie nicht mehr anzurühren, bis der Puppenmacher sich darum gekümmert hat. Doch dann entdeckt eine Angestellte die merkwürdige Puppe, nichts ahnend, welches Chaos sie gleich auslösen wird.

Als ich diese Geschichte las, dachte ich darüber nach, ob wir Menschen uns mit unseren technischen Entwicklungen wirklich immer einen Gefallen tun. Kann es passieren, dass künstliche Intelligenz irgendwann das Kommando übernimmt? Dass wir irgendwann der Technik dienen und nicht mehr umgekehrt? Ist es vielleicht manchmal schon so weit? “Das Nasenproblem” hat mir viel Nachdenkmaterial geliefert.

Zudem habe ich mich gefragt, ob die Puppe wirklich defekt war oder der Puppenmacher sie vielleicht mit Absicht so konstruiert hat. Aber zu welchem Zweck? Was hatte er vor? Leider geht das nicht aus der Geschichte hervor und sie endete recht offen. Vielleicht hat aber auch genau das meine grauen Zellen in Schwung gebracht.

“In den Schatten Whitechapels” von Michael Borth

Diese Geschichte handelt von einer Spionin im London von 1888. Sie wurde damit beauftragt, eine Reihe von Morden aufzuklären, doch eine Zeugin nach der anderen scheidet aus dem Leben. Zudem verliebt die Spionin sich in die schöne Frances, der sie sogar das Leben rettet. Wird sie herausfinden, wer für die Morde verantwortlich ist?

Ich fand den Schreibstil von Michael Borth wunderschön und herausragend, allerdings auch nicht ganz leicht zu verstehen. Manche Szenen habe ich zweimal gelesen, bis ich wirklich mitkam (das kann aber auch daran gelegen haben, dass ich meist abends gelesen habe und mein Hirn da nicht mehr in der Lage war, Höchstleistungen zu vollbringen). Aber spätestens bei den lesbischen Szenen hatte Michael Borth meine ganze Aufmerksamkeit. 😅

Mir gefiel zudem das Setting und die Atmosphäre, die der Autor erzeugt hat. Ich konnte mir das nächtliche London bildhaft vorstellen. Spürte den feuchten Nebel auf meiner Haut und hörte das Klappern der herannahenden Kutsche.

“Die schöne Gundula” von Bernhard Rusch

Wovon “Die schöne Gundula” genau handelt, kann ich eigentlich gar nicht sagen. Die Geschichte ist definitiv das Absurdeste, was ich jemals gelesen habe – und das ist als Kompliment gemeint. Ich hab mich teilweise gekringelt vor Lachen.

Es fällt mir schwer, sie zusammenzufassen. Nur so viel: Es kommt eine schöne Frau namens Gundela (ja, mit e, ich weiß nicht, warum sie in der Überschrift mit u geschrieben wurde) vor, ein nicht ganz so schöner Briefträger, der sie öfter besucht, ein Blender und Lügenbold namens Pohliwar, der sich für den Größten hält und eine ziemlich entspannte Gottheit, die auch bisweilen ihren Kommentar zu den völlig irrwitzigen Geschehnissen auf der Erde gibt.

Damit du dir dennoch ein Bild von der Geschichte machen kannst, möchte ich eine Stelle zitieren, die mich ziemlich amüsiert hat:

“Indessen nahmen einige Musiker im Versammlungssaal Platz. Sie stimmten in diesen Breiten kaum gesehene Saiten- und Blasinstrumente wie die Barzola oder das Frustenhorn. Die Geräusche riefen Erinnerungen an den letzten Zoobesuch hervor.”

Quelle: Rusch, Bernhard. “Die schöne Gundula.” Die Aurum-Chroniken, herausgegeben von Julia Dest, 2020, S. 202

Das Einzige, was mich ein bisschen an der Geschichte gestört hat, war, dass auch über Behinderungen Witze gemacht wurden.

Ansonsten kann ich mich nicht entscheiden, ob es sich bei “Die schöne Gundula” um den perfekten Stoff für einen Monty-Python-Film oder einfach nur um einen völlig verrückten Fiebertraum handelt.

“Der Spion des Kaisers” von Mirco Adam

Hamburg, 19. Jahrhundert. Jon und seine Geliebte Madie treffen sich heimlich, weil Madies Eltern gegen ihre Beziehung sind. Während ihres Treffens hören sie plötzlich ein schmatzendes Geräusch und entdecken einen Arm, der aus einer Wand des Zimmers ragt. Genauso plötzlich wie der Arm aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder. Schnell finden die beiden Liebenden heraus: In der Wand befindet sich ein Portal in eine andere Welt. Natürlich packt sie die Neugier und trotz Madies Bedenken beschließen sie, das Portal zu durchschreiten. Auf der anderen Seite erwartet sie ein Abenteuer, das in einem Wettlauf gegen die Zeit gipfelt.

Ich bin ein bisschen zwiegespalten, wie mir diese Geschichte gefallen hat. Das Positive vorneweg: Die Handlung ist spannend und unterhaltsam. Mir gefiel die Idee, die hinter der Geschichte steckt und ich mochte vor allem den Spion und seinen besonderen Hut. Der Schreibstil des Autors hat mir auch gut gefallen, genauso wie die Steampunk-Elemente wie der Aeroplan und das Luftschiff. Ich liebe ja Zeitreisegeschichten und kam hierbei voll auf meine Kosten.

Aber eins ist mir aufgefallen und das hat mir etwas den Spaß an der Geschichte verdorben. Ich möchte vorwegschicken, dass dieses “Problem” häufig in Geschichten vorkommt und vielen Leser*innen sicher gar nicht auffällt. Mir aber mittlerweile schon.

Die Rede ist von der Rollenverteilung von Mann und Frau. Es kommt in der Geschichte nur eine einzige Frau vor und das ist Madie. Und diese wird so schwach und unterwürfig dargestellt, dass sie sicher kein großes Vorbild für die Leserinnen ist.

Madie ist nicht nur ein ziemlicher Angsthase, sondern auch nicht wirklich nützlich, außer an einer Stelle (als sie die Karten findet). An dem Punkt, an dem es in der Geschichte wirklich spannend wird, will Jon sie sogar nach Hause schicken. Madie besteht zwar darauf, zu bleiben und das ist auch gut so, allerdings hat sie anschließend keine wirkliche Funktion mehr. Außer, dass sie permanent herumheult und Jon dadurch den Helden spielen kann.

Man mag jetzt einwerfen, dass die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert eben noch so war und es nicht gepasst hätte, Madie selbstbewusster und emanzipierter zu gestalten. Aber es gab damals auch keine sprechenden Hüte und trotzdem kommt einer drin vor. Ich bin mir sicher, dass der Autor Madie durchaus hätte interessanter gestalten können. Dann hätte ich auch besser nachvollziehen können, warum Jon so verrückt nach ihr ist. 😉

Übrigens wurde Jons Name an manchen Stellen mit h geschrieben (John), meist aber ohne. Das fand ich jetzt nicht sonderlich tragisch, aber meine Adleraugen haben es bemerkt.

Bis auf die Sache mit Madie hat mir die Geschichte aber wirklich gut gefallen. Wobei ich glaube, dass die Idee auch durchaus Potenzial für einen Kurzroman oder sogar einen Roman hätte. Dann könnte man noch etwas mehr Schwierigkeiten und Hindernisse einbauen, die die Handlung noch spannender machen.

“Eine andere Weihnachtsgeschichte” von Marc Zoellner

Hierbei handelt es sich um eine Adaption von Charles Dickens’ “Eine Weihnachtsgeschichte”. Sofern ich das beurteilen kann, hält sich die Geschichte auch ziemlich ans Original, doch das Ende ist anders.

Ich mochte es, dass Marc Zoellner sowohl die erste als auch die letzte Kurzgeschichte des Buches verfasst hat und seine Weihnachtsgeschichte ist ein schöner Abschluss. Wie auch schon “Elise” fand ich die Geschichte wunderschön geschrieben und es hat mir gefallen, dass er das für Scrooge typische “Humbug!” übernommen hat. Ebenso mochte ich es, dass er immer wieder fragt: “Wozu bezahle ich hier noch Steuern?” Das charakterisiert auch ganz schön den Geiz Scrooges.

Der Twist am Ende gefiel mir ganz besonders. Wie auch bei “Elise” schaffte es der Autor, mich zu überraschen.

“Hotel Verdens Ende” von Julia Dest

Alle Geschichten werden durch eine Rahmenhandlung unter dem Titel “Hotel Verdens Ende”, bzw. später nur noch “Verdens Ende” (Absicht oder Versehen?) verbunden.

In der Rahmenhandlung geht es um genau das, was im Klappentext beschrieben wird: Die Begegnung zwischen Prof. Landsteiner und Finn Diran.

Mir hat die Rahmenhandlung außerordentlich gut gefallen, nur endet sie leider recht abrupt und dermaßen offen, dass ich mit vielen Fragen zurückblieb. Das schreit nach einer Fortsetzung! Oder nach einem ganzen Buch, das ausschließlich die Geschichte um Landsteiner und Diran behandelt. Denn ich glaube, der Stoff hat wirklich Potenzial für einen spannenden Roman.

Gegen Ende kommt noch mal die Sprache auf den Puppenmacher, der auch in der Geschichte “Das Nasenproblem” vorkam, wo sein Vorname “Ernest” war. An der späteren Stelle in der Rahmenhandlung wird der Name “Earnest” geschrieben. Ist aber wohl ein Versehen und für mich nicht so tragisch.

Mein Fazit

Insgesamt hatte ich eine wunderbare Lesezeit mit “Die Aurum-Chroniken”. Die Geschichten sind “anders” und regen zum Nachdenken an. Manche sind aber auch einfach nur lustig (Stichwort: Gundela).

Abgesehen von ein paar Tippfehlern und den in der Rezension angesprochenen kritischen Stellen, hat mir die Anthologie ausgezeichnet gefallen. Ich empfehle sie gerne weiter und vergebe ihr vier gute Herzchen.

Meine Bewertung

4 Herzchen

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